“Ein Aufruf zur Mission” – Jetzt erst?!

Das Wort “Kirchenaustritt” ist für viele Katholiken längst kein Tabu mehr. Dabei geht es nicht nur um die Taufschein-Christen, denen erst bei gestiegenem Verdienst plötzlich bewusst wird, wie viel sie monatlich an Kirchensteuer an eine Institution abführen müssen, mit der sie nicht mehr verbindet als der Besuch der Christmette und die Erstkommunion des Kindes. Nein, auch viele praktizierende Katholiken spielen mit dem Gedanken, die “Rechtsgemeinschaft Kirche” zu verlassen.

Das hat jedoch weniger Glaubens- als viel mehr Gewissensgründe. Das “Zentralkomitee der deutschen Katholiken” (ZdK), der “Bund der deutschen katholischen Jugend” (BDKJ) sowie diverse katholische Medienportale geben dem “normalen” Gläubigen immer wieder Anlass zur Verärgerung. Nicht zuletzt der Katholikentag in Münster hat gezeigt, dass die Kluft zwischen dem einfachen Kirchenvolk und dem Gremienkatholizismus immer weiter auseinander klafft. Es könnte einem egal sein, wenn einem nicht immer wieder unter die Nase gerieben würde, dass jene Gremien und Portale üppig mit Kirchensteuermitteln finanziert werden. Monat für Monat wird das Geld abgebucht im Namen der Kirche. An sich kein Problem für jemanden, der die Kirche liebt. Aber wird es auch im Namen der Kirche eingesetzt? Ist das (viele) Geld ein Werkzeug für die Botschaft Christi, das Evangelium, die gelebte Nächstenliebe, für die Glaubensweitergabe?

Immer mehr Katholiken haben da ihre Zweifel. Und auf einmal stellen sich viele die Frage: Kann ich es verantworten, dass ich durch das Bezahlen der Kirchensteuer Gremien finanziere, die gegen das arbeiten, was die überlieferte Lehre Christi ist? Nicht nur im Zuge des Missbrauchsskandals zeigten sich teilweise große Defizite bei der Amtsauffassung einiger Amtsträger. Ein Freund sagte kürzlich: “Es ist im hohen Maße irritierend, dass sich der Herrgott so ein Personal leistet.“ Das mag hochmütig klingen, da ein jeder von uns in einem gewissen Rahmen das Ansehen von Mutter Kirche durch die eigene Sündhaftigkeit beschmutzt. Und dennoch ist es doppelt tragisch, wenn die großen theologischen Fauxpas nicht von dahergelaufenen Hobby-Reformatoren geäußert werden, sondern von Menschen, die durch die Weihe in der direkten Nachfolge der Apostel stehen.

Das Gekuschel mit dem Zeitgeist und der Politik kann man im bestimmten Rahmen noch damit rechtfertigen, dass die Kirche auch in der heutigen Zeit “dahin geht, wo es wehtut”. Dennoch scheint diese Taktik nicht aufzugehen. Glaubt man der neuesten Prognose, wird sich die Anzahl der Christen bis spätestens 2060 halbiert haben. Auf einmal wird man sogar in München hellhörig. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, kommentiert die Prognose folgendermaßen:

“In der Kirche geht es immer darum, das Evangelium weiter zu sagen, auch unter veränderten Bedingungen. Für mich ist die Studie auch ein Aufruf zur Mission”.

Papst Benedikt hatte eine “Entweltlichung” der Kirche gefordert und wiederholt zur “Neuevangelisierung” aufgerufen. Papst Franziskus hat immer wieder seinen Traum von einer “armen Kirche” geäußert. Wenn die Studie stimmt, wird bis 2060 die Hälfte der (zahlungskräftigen) Christen in Deutschland weggebrochen sein. Der Traum einer “armen Kirche” könnte also auch in Deutschland wahr werden. Doch auf einmal geht die Angst um und man spricht wieder von “Mission”.

Warum waren wir nicht besorgt, als sich immer weniger mit den Inhalten identifizieren wollten und die Kirche eher als eine politische Institution mit Mitleidsfaktor und Aufruf zum Nett-Sein betrachtet haben? Warum waren wir nicht besorgt, als immer mehr Menschen die Kirche nur noch als “Sakramenten-Lieferanten” bei Erstkommunion, Firmung, Hochzeit und Beerdigungen wahrgenommen haben? Warum haben wir so wenig für “die Mission” getan, als die Leute nach Gott gefragt haben und wir ihnen hätten Antworten geben können? Warum wollen wir erst jetzt aktiv werden? Ist der Einbruch an Kirchensteuereinnahmen die einzige Sprache, die “da oben” noch verstanden wird?

Möchte der Münchener Erzbischof in Zukunft allerdings nicht wieder in einem kleinen Pfarrhaus wohnen und auf die Naturalienspenden der anderen Ortsbewohner angewiesen sein müssen, sollte er nicht vergessen, dass es bei der Mission nicht nur um die potentiellen “Neukunden” geht, sondern die Kirche aktuell auch sehr viele “Stammkunden” zu verlieren droht. Ein formeller Kirchenaustritt bedeutet aktuell noch immer die automatische Exkommunikation. Diese Regelung wird zwar auch von Kirchenrechtlern angefochten, doch sie sorgt dafür, dass momentan noch viele Gläubigen lieber weiterhin zähneknirschend die Kirchensteuer zahlen, als der Institution Kirche den Rücken zu kehren.

Doch selbst die Leidensfähigkeit von deutschen Katholiken ist begrenzt.

Foto: Rudolf Gehrig. Aufgenommen beim Weltfamilientreffen mit Papst Franziskus 2018 in Dublin / Irland.

Schreibe einen Kommentar