Warum glaube ich?

Viele Menschen sagen mir, dass sie glauben möchten. Was sie aber wirklich wollen, ist eine schnelle Hilfe gegen alles, was sie plagt.“ Dieser Satz stammt von Mutter Angelica, der Gründerin des weltweit größten katholischen Mediennetzwerkes EWTN. Als ich vor drei Wochen wegen meiner Weisheitszähne darniederlag und mich beim Herrn bitterlich über mein schweres Kreuz beklagte, stellte ich fest, das an diesem Satz mehr dran ist, als ich mir eingestehen wollte.

Sobald der Glaube nur zweckorientiert bleibt, verliert er viel von der Wertigkeit dessen, was er eigentlich sein will: Liebe. Sicher, Glaube heißt auch Vertrauen, Hoffen, Gehorsam, Disziplin. Doch in seiner vollendeten, perfekten Form ist er nichts als reine Liebe. Aber: Auch wenn Sie sich erst dann an Gott wenden, weil es wirklich nicht mehr anders geht und Sie Gott aber wieder vergessen haben, sobald Ihre Probleme erledigt sind und es Ihnen wieder gut geht, dann ist auch das Glaube. Es ist zwar ein Glaube, der momentan noch vom Defizit der Zweckmäßigkeit geprägt ist, aber es ist Glaube.

Die Sehnsucht nach Gott und der heimliche Neid auf gläubige Menschen rührt manchmal genau daher, dass der Eindruck entsteht, dass diese Gläubigen einen “Joker” in der Hinterhand haben, wenn es mal nicht läuft. Gott wird als eine Art Heinzelmännchen betrachtet, der nachts den Müll aufräumt, sich dann aber wieder still und heimlich verzieht. Gott ist der Butler, der weitestgehend unsichtbar seinen Dienst am Kunden verrichtet, sich aber nicht weiter einmischt und stattdessen zu jedem Scheiß ein “Gute Wahl, Sir!” von sich gibt. Klar: Gott ist viel mehr als das. Doch bei manchen ist vielleicht genau diese Vorstellung der zarte Anfang einer echten Gottesbeziehung.

Natürlich muss der Glaube über die Vorstellung eines sich im Hintergrund haltenden Erfüllungsgehilfen, eines Deus ex machina hinaus wachsen. Doch vielleicht machen wir es uns manchmal zu einfach, wenn wir Leute verurteilen, die Gott noch aus diesem Blickwinkel betrachten. Auch unser eigener Glaube ist nicht aus dem Nichts gewachsen. Jedem sollte die Chance zugestanden werden, im Glauben zu wachsen.

Als der Zahnarzt sich neulich über mich beugte und wie wild mit seinen Instrumenten in meinem Rachen herumfräste und verzweifelt versuchte meine vier Weisheitszähne herauszubrechen, habe ich so intensiv zu Gott gebetet wie lange nicht mehr und Ihn darum angefleht meine Qualen abzukürzen. Hinterher musste ich dann doch auch ein wenig über mich selbst lachen und ich mich ernsthaft fragen, warum ich erst dann wieder ein so tiefes Verhältnis zu Gott bekomme, wenn ich von (scheinbar) unerträglichen Schmerzen gepeinigt werde. Die Aufforderung im Glauben zu wachsen und die Gottesbeziehung in wirklich jeder Lebenslage frisch zu halten, geht deshalb auch an mich, um nicht selbst dauerhaft auf der Entwicklungsstufe hängen zu bleiben, die laut Mutter Angelica den Glauben lediglich als “eine schnelle Hilfe gegen alles, was sie plagt“ betrachtet.

Übrigens: Falls Ihnen bei Zahnarzt-Terminen ebenfalls ganz bange ist, lege ich Ihnen gerne einen anderen Spruch der bekannten EWTN-Gründerin ans Herz:

“Gott liebt Sie so sehr, dass Er jede Träne kennt, die Sie jemals geweint haben.”

In diesem Sinne: Machen Sie sich nicht so viele Sorgen und fühlen Sie Ihrer eigenen Gottesbeziehung ruhig mal wieder auf den Zahn!