Als meine Schwester starb

Auf den Tag genau vor zehn Jahren habe ich zum ersten Mal die Kirchenglocken in Münnerstadt gehört, während ich im Unterricht saß. Ich war in der 9. Klasse, wir hatten gerade Mathe und um 11.00 Uhr hörte ich das Bimmeln der Glocken der Stadtpfarrkirche vom Klassenzimmer aus. Vielleicht, weil an diesem Tag der Wind günstig stand und vielleicht war irgendwo ein Fenster offen und vielleicht hatte ich sie in den Schuljahren davor schon einmal gehört, aber nie bewusst wahrgenommen. Doch an jenem 8. Oktober 2009 hörte ich sie läuten – und dachte mir nichts dabei.

Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Knapp 130 Kilometer weiter machte meine kleine Schwester in den Armen meiner Eltern ein letztes Mal ihre Augen auf, bevor sie diese mit einem unbeschreiblichen Lächeln im Gesicht für immer schloss.

Ich bin kein Mensch, der mit aller Gewalt seinen Alltag nach irgendwelchen himmlischen Zeichen absucht, doch in den letzten Tagen im Leben meiner Schwester passierten allerlei wundersame Dinge. Pia war aufgrund eines schweren Herzfehlers von Anfang an dem Tod geweiht. Nie vergessen werde ich das Gerede im Dorf, als die Neuigkeit die Runde machte, dass meine Mutter nach mir und meinen drei Brüdern nun noch einmal schwanger war. Die Stimmung wandelte sich leicht, nachdem das Ausmaß ihrer Krankheit bekannt wurde. Viele Leute, die es gut meinten, versuchten Trost zu spenden oder einfach da zu sein.

Pia lebte gerade einmal drei Monate bei uns, bevor sie die Heimreise antrat. Als pubertierendes Kerlchen konnte oder wollte ich nicht wahrhaben, dass ihre Zeit begrenzt war. Als sie dann nur zehn Tage nach meinem 16. Geburtstag starb, war das ein heftiger Schlag in die Fresse, der mich lange Zeit benommen zurückließ.

Pia war ein richtiger Brocken. Leider war sie nach drei Monaten schon wieder auf dem Heimweg.

Ich bin als Kind zum Glauben erzogen worden. Dieser Glaube an Gott war etwas fast Selbstverständliches für mich. Doch an jenem 8. Oktober 2009, als ich mit meinem kleinen Bruder von der Schule nachhause kam und meine Tante mit Tränen in den Augen vor uns stand und sagte, dass Pia um 11.00 Uhr in der Kinderklinik in Erlangen verstorben ist, als ich drei Tage später am offenen Sarg ein letztes Mal ihr kaltes Händchen streichelte, als ich bei ihrer Beerdigung neben dem Pfarrer stand (ich ministrierte), dem Sarg dabei zusah, wie er in der Erde verschwand und bemerkte, wie der regengraue Himmel plötzlich aufriss und ein Sonnenstrahl auf uns herabfiel – in diesen Momenten war ich von der tatsächlichen Existenz Gottes geradezu erschüttert. Ich “spürte” Ihn so deutlich wie nie.

Ich weiß, dass für viele Menschen der Tod von Kindern erst Recht Anlass ist, an Gottes Güte zu zweifeln. Die Frage, warum dies geschieht, wird auf Erden wohl immer unbeantwortet sein. Für mich war der Tod meiner Schwester ein radikaler Einschnitt, bei dem ich mich fragen musste:

Glaubst du wirklich an das alles?

Glaubst du wirklich an ein Leben nach dem Tod?

Glaubst du wirklich, dass Gott dich unendlich liebt?

Wie man sieht, habe ich zum Teil meine Antworten schon gefunden. Ich habe die feste Überzeugung, dass meine Schwester bei Gott ist und ich sie dort eines Tages wiedersehe. Doch auch die Trauer bleibt ein Teil dieses Weges. Ich bewundere den Mut meiner Eltern, die uns zwei Jahre nach Pias Tod erneut eine Schwester geschenkt haben. Dass sie völlig gesund ist und uns ältere Geschwister teilweise richtig auf die Nerven gehen kann, ist ein Geschenk, das ich erst jetzt zu schätzen weiß. Sie weiß, dass sie eine ältere Schwester hat, die nicht mehr hier ist. Dieser Platz bleibt in gewisser Weise immer leer, ein kleine, offene Wunde, mit der man leben kann, die dennoch hin und wieder brennt. Ich merke es besonders dann, wenn sich die Jahrestage von Pias Todestag nähern oder die Leute fragen, wie viele Geschwister ich habe und ich mich beim Gedanken ertappe, ob ich Pia mitzählen soll oder nicht. Und dann sind da die Momente, in denen ich sie klar vor Augen habe und irgendwie weiß, dass sie “da” ist.

In dieser Zeit habe ich oft mit Gott gestritten, gehadert, mich auch mal Tage lang nicht bei Ihm gemeldet. Doch Seine Existenz habe ich nie ernsthaft angezweifelt. Seine Gegenwart erscheint mir dafür zu real. Zum Teil bin ich aber weiterhin auf der Suche nach Antworten auf dieses große, unsagbare Geheimnis. Pauschale Antworten gibt es – vermutlich – nicht und wenn ich erklären soll, wie ich nach all dem immer noch an Gott glauben kann, weiß ich manchmal nicht, was ich sagen soll, ohne den Tod meiner Schwester zu instrumentalisieren, um fromme Dinge zu schwafeln.

Die kürzeste Antwort ist vielleicht: Weil Gott an mich glaubt.