Eine Windschutzscheibe für die Apokalypse

Als ich in der Silvesternacht des Jahres 2019 in Köln am Rheinufer stand und Schwarzpulverrauch einatmete, dachte ich an alles Mögliche, doch keineswegs daran, dass eine chinesische Fledermaus im kommenden Jahr den halben Erdball lahmlegen sollte. Zu diesem Zeitpunkt war meine größte Sorge, dass es mit dem Klassenerhalt für Werder Bremen noch einmal richtig eng werden könnte (was sich ja auch bewahrheitet hat). Ansonsten schien 2020 ein gutes Jahr zu werden, schließlich hatte ich große Pläne.

Zwei wichtige Lebensentscheidungen standen an. Zum einen war da die Sache mit meinem Auto. Ich fahre immer noch mein erstes, eigenes Auto, einen alten Opel Astra. Die Roststellen haben im Lauf der Jahre zugenommen, kleinere und größere Macken haben sich dazugesellt. Die Klimaanlage geht schon seit drei Jahren nicht mehr, mein Bruder, der im Hauptberuf Kfz-Mechaniker ist, meinte damals, eine Reparatur würde sich nicht lohnen, weil die Kiste eh nicht mehr lange durchhalten würde. Dann bekam meine Windschutzscheibe einige Steinschläge ab und schließlich zeigte sich auch ein erster, größerer Riss. Wochenlang fuhr ich damit weiter durch die Gegend, bei jedem Schlagloch, bei jeder Gehsteigkante hatte ich Angst, die Scheibe würde endgültig reißen. Lange würde das nicht gutgehen, eine neue Scheibe musste her.

Aber lohnte sich das überhaupt?

Währenddessen breitete sich das Corona-Virus weiter aus und schränkte mein Leben mehr ein, als ich zuerst erwartet hatte. Ich erlebte, wie sich um mich herum das Gefühl breitmachte, das Ende aller Zeiten stünde unmittelbar bevor.

Auch der Glaube, der Dreh- und Angelpunkt meines Lebens, veränderte sich. Ich konnte nicht mehr so ohne Weiteres in die Kirche gehen, teilweise hatten diese Orte des Rückzugs, der Einkehr und der Gottesbegegnung komplett geschlossen. Wenn ich durch die Straßen ging, sah ich verrammelte Ladentüren, kahle Bäume im Nebelkleid, Menschen, die ihre Gesichter hinter Masken verbargen und aus Angst den Kontakt zu ihren Artgenossen mieden. In den Medien häuften sich die Katastrophenmeldungen, und die Kirche, das einst so mächtige Schlachtschiff in den Stürmen dieser Zeit, hatte durch die verheerenden Missbrauchsenthüllungen schwere Schlagseite bekommen.

All das konnte nur eines bedeuten: Die Apokalypse kommt. Das Ende aller Zeiten, der Beginn der Ewigkeit. Warum nicht, dachte ich, wird höchste Zeit für die Wiederkunft Christi. Bei allem Respekt, aber hat Gott sich diesen Schlamassel nicht schon lange genug angesehen? Jetzt nur noch irgendwie durchhalten, bis es vorbei ist. Doch das Ende kam nicht.

Und so traf ich in diesem Jahr gleich zwei wichtige Entscheidungen. Zuerst überredete ich meinen Bruder, mir eine neue Frontscheibe zu besorgen. Mein alter Opel wird es wohl noch eine Weile tun müssen. Falls übermorgen dann doch die apokalyptischen Reiter über diesen Erdball hinwegfegen und es Feuer und Schwefel regnen wird, so hätte ich vom Fahrersitz aus wenigstens eine klare Sicht.

Meine zweite Lebensentscheidung im Jahr 2020 war noch gravierender. Anfang Mai, mitten im ersten Höhepunkt der Pandemie, stand ich vor dem Traualtar und gab der Liebe meines Lebens das Ja-Wort.

Die Umstände hatten all unsere detaillieren Planungen über den Haufen geworfen, die große Feier musste ausfallen und die Flitterwochen fanden nur auf dem heimischen Balkon statt. Doch als wir uns vor Gottes Angesicht die Ringe ansteckten und uns gegenseitig versprachen, gemeinsam bis ans Ende unserer Tage füreinander da zu sein, war das alles egal. Ich musste auch an die mahnenden Worte von Paulus denken, der den Korinthern einst den Rat gab:

„Jeder soll vor Gott in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat.“ Wer unverheiratet ist, soll besser unverheiratet bleiben „wegen der bevorstehenden Not“. Wer dennoch heiratet, der sündige zwar nicht, wird jedoch auch „Bedrängnis erfahren“ in seinem irdischen Dasein (1. Korinther 7,24 ff.).

Der Ehering an meinem Finger und auch die nagelneue Windschutzscheibe in meinem Opel Astra erinnern mich allerdings jeden Morgen daran, dass das Ende noch nicht gekommen ist. Für das kommende Jahr überlege ich sogar, nun auch die Klimaanlage in meinem Auto reparieren zu lassen.

Selbst für den Fall, dass bis dahin doch noch die Apokalypse kommt. Dann könnte es ganz schön heiß werden. Besser, man ist darauf vorbereitet.

(Dieser Text erschien so oder in ähnlicher Form in der Weihnachtsausgabe des VATICAN-Magazin. Hier abonnieren!)