Ist es uns wirklich so egal, dass Gott uns liebt?

Am Ende wollen wir doch alle nur geliebt werden. Es war ein kirchlicher Mitarbeiter, der diesen Satz sagte, während wir gemütlich beim Bier saßen. Wir sprachen über die Kirche in Deutschland, die feindselige Stimmung in den Medien, die Hexenjagd auf den ein oder anderen Kirchenvertreter. Die Zeiten sind hart und wir alle wollen nur geliebt werden, sagte mein Bekannter. „Aber wir sind doch schon geliebt“, begann ich meine Entgegnung, doch ich sprach den Satz nicht zu Ende. Zu billig wäre diese Pointe. Und überhaupt: Viel zu fromm! Oder sollte ich es doch sagen?

„Jaja“, nahm mir der bezahlte Kirchenmann schließlich die Worte aus dem Mund und lachte etwas bitter, „Jesus liebt uns alle.“ Dann schwiegen wir uns eine Weile an und schauten weiter stumm ins Glas.

Doch irgendwie war mir der Ton seiner Antwort auf den Magen geschlagen. Es fühlte sich nicht gut an, wie er das gesagt hatte. Das Gott selbst uns liebt ist eine Überzeugung, die mich schon seit langer Zeit durchs Leben trägt. Doch so, wie mein Trinkkumpane an jenem Abend diesen Satz aussprach, klang er wie eine leere Vertröstungsphrase, eine Formel, die man nur für offizielle Verlautbarungen und Hirtenbriefe verwendet, damit die frommen Schafe in den Kirchenbänken mit einem wohligen Gefühl der Glücksseligkeit hinwegdösen und weiter von der Volkskirche träumen können. Als würde er sagen: „Aber jetzt sind wir doch unter uns und sei doch mal ehrlich, hilft dir das wirklich weiter?“

Ich bin an jenem Abend nicht weiter darauf eingegangen und als ich später längst im Bett lag, ärgerte ich mich immer noch darüber. Jesus liebt uns – warum ist es so schwer geworden, einen solchen Satz auszusprechen, ohne direkt das Bedürfnis zu haben sich entschuldigen zu müssen, weil man der Welt eine solche „Lappalie“ zumutet? Wer denkt beim Satz „Jesus liebt dich“ nicht direkt an Akustik-Gitarren, Rollkragen-Pullover, Sandalen, Vanille-Duftkerzen, Spuren im Sand, geblümte Motto-Schals und „gestaltete Mitten“? Das ist zwar nur ein Cliché, aber haben wir Katholiken uns das nicht selbst eingebrockt?

Noch trauriger sind die Presseveranstaltungen der Kirche in Deutschland. Es brennt an allen Ecken, die Leute laufen davon, während Bischofsversammlungen und Zentralkomitees unverdrossen weiterverkünden:  “Von Deutschland aus werden weiter wichtige Impulse für die Weltkirche ausgehen”.

Es ist vom “Aufbruch” die Rede, den man nun endlich einmal “wagen” wolle, von einer “Weiterentwicklung der Lehre”, die, wenn man hinter die glänzende Fassade guckt, letztlich nur bedeutet, dass die Gruppierungen, die diese Formulierung wählen, schon längst kapituliert haben und selbst nicht mehr daran glauben, dass das, was Christus seiner Kirche mit auf dem Weg gab, heute überhaupt noch von Bedeutung ist. Es macht mich immer wieder fassungslos welche Arroganz und Verzweiflung darin zum Vorschein kommt, wenn Menschen die Lehre Christi für überholt halten (“heute wissen wir es besser”), und dennoch nicht ins Gewissensnöte kommen, dabei weiterhin auf der Gehaltsliste der Kirche zu stehen.

Es wird schnell zu einer Glaubensfrage. Glaube ich, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist? Glaube ich, dass er mit göttlicher Vollmacht gelebt und gepredigt hat? Glaube ich wirklich (!), dass er auferstanden ist und uns erlösen will?

Wenn ich all dies glaube: Warum sollte Gott, der die Liebe ist, uns also belügen?

Stattdessen erlebe ich kirchliche Mitarbeiter und auch Kleriker, die sich im Voraus dafür entschuldigen, überhaupt katholisch zu sein. Für sie gleicht jeder Kontakt mit den säkularen Mitmenschen einem Gang nach Canossa, einem Schrei nach (weltlicher) Liebe. Ich bin Priestern begegnet, die mich anfangs für einen coolen Jugendlichen hielten (weil ich eine Jogginghose trug) und mir direkt klar machten:

“Hey, klar bin ich katholisch, aber nicht so einer, wie du vielleicht denkst. Es gibt viele böse Menschen bei der Kirche, die in der Vergangenheit viel Böses getan haben und auch viel von dem, was die Kirche jetzt so von sich gibt, finde ich ziemlich scheiße, aber hey, sieh mich an, ich bin keiner von denen! Ich bin wie du! Lass mich doch auch cool sein!”

Bis diese Priester dann enttäuscht bemerkten, dass ich doch kein so cooler Jugendlicher bin, sondern nur selbst ein Katholik (und einfach sehr gerne Jogginghosen trage).

Und dann begann die Fastenzeit. Bischöfliche Hirtenbrief fluteten das Journalisten-Postfach mit dem Vermerk: „Mit der Bitte um Beachtung“. In salbungsvollen, weltschmerzdurchtränkten Worten wird dann ein „Klima-Fasten“ angeregt, das Abstandhalten in Corona-Zeiten als die wohl höchste Form der christlichen Nächstenliebe angepriesen oder sinngemäß versichert: „Wir sind zwar katholisch, aber trotzdem (!) gut drauf!“

Sicher – all das mag auch seine Berechtigung haben. Doch ich verstehe nicht, dass dieselben Köpfe, die diese Fasten-Hirtenbriefe ersinnen, immer noch dieselben sind, die in der Karwoche die grausame Passion Christi für die Liturgie verlesen, in der der Sohn Gottes bestialisch zu Tode gemartert wird – und das alles nur aus Liebe zu uns. Ist uns das vielleicht irgendwie peinlich?

“Selig, wer an mir keinen Anstoß nimmt.” (Matthäus 11,6)

Mich persönlich packt jedes Mal die Erschütterung, wenn die Stelle kommt, an der der aufschneiderische Petrus am Wachfeuer einknickt und behauptet, er kenne „diesen Mann“ nicht und im selben Augenblick der Hahn zu krähen beginnt. Wie oft hat sich Petrus schon in die Nesseln gesetzt! Er war einer der ersten Jünger, ist Jesus überall nachgefolgt, sogar beim Gang auf das Wasser und hat dem Sohn Gottes sogar seine Schwiegermutter vorgestellt.

Ich liebe es, mit welchem manchmal unsensiblen, aber immer aufrichtigen Talent Petrus es schafft, die großen, majestätischen Momente kaputt zu machen. “Jesus läuft über den stürmischen See? Cool, ich gehe ihm auf dem Wasser entgegen, weil ich ja sein Jünger bin und versinke dann aber, sodass der Chef mich erst einmal retten muss! Jesus wird auf dem Berg Tabor verklärt und die ganz Großen des Alten Testaments (Mose und Elija) sind dabei? Super, da muss ich doch direkt mal dazwischenrufen und den Vorschlag machen, ob wir für die hohen Herren hier oben nicht direkt einmal ein paar Immobilien hinstellen sollen!” (So läuft Petrus’ Gedankenwelt zumindest in meiner Gedankenwelt ab.)

Der Höhepunkt kommt aber erst kurz vor der schicksalshaften Nacht in Jerusalem, als der designierte Stellvertreter Christi auf Erden groß ankündigt, er wolle es nicht zulassen, dass dem Herrn ein Haar gekrümmt werde und dass er notfalls für ihn in den Tod gehen würde. Und dann das. Als es darauf ankommt, endlich einmal Farbe zu bekennen, knickt Petrus jämmerlich ein und behauptet wiederholt, er kenne Jesus nicht.

Als Petrus den Herrn zum dritten Mal verleugnete, krähte der Hahn.

Allerdings: Nicht das Großmaul wurde letztendlich zum ersten Papst und Felsen der Kirche, sondern jener Mann, der zunächst weinend davonrannte, weil er erkannt hatte, wie beschämend es ist, aus Menschenfurcht die Liebe Christi zu vergessen. Erst dann konnte Petrus dem Herrn wieder fest in die Augen sehen und aufrichtig sagen:

„Herr, du weißt, dass ich dich liebe.“

Gleich dreimal sagte er dies, fast so, als wolle er sichergehen, dass er dies niemals wieder vergisst.

Ob als Bistumsangestellter, ob als Mesner, Lektorin, als Ministrant, Bischof oder einfacher Gläubiger: Wir alle sind vergessliche Menschen. Wie ein Kind in seiner Angst oder Wut einmal vergessen kann, dass es von seinen Eltern geliebt wird, so sei es auch uns unbenommen, für einen Augenblick zu vergessen, dass es da „jemanden“ gibt, der uns bedingungslos liebt und sich dafür sogar hinrichten ließ. 

Eine aufrichtige Beichte kann in dieser Karwoche unserem Erinnerungsvermögen vielleicht wieder in die Spur helfen.

(Dieser Text erschien in leicht abgeänderter Form in der vorletzten Ausgabe des VATICAN-Magazin. Hier abonnieren!)