Der letzte Arbeitstag von Kardinal Marx – und nun?

Etwa eine Stunde – so viel oder so wenig Zeit wollen sich Deutschlands Bischöfe am morgigen Dienstag nehmen, um den neuen Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz zu wählen. Dieses Amt hatte bisher der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx inne. 2014 wurde er von der Vollversammlung in dieses Amt gewählt und war damit in den letzten sechs Jahren DAS Gesicht der Bischofskonferenz. Auf der Frühjahrsvollversammlung der DBK, die von Montag bis Donnerstag in Mainz stattfinden wird, müssen die Bischöfe nun einen neuen Vorsitzenden wählen. Kardinal Marx hatte bereits im Vorfeld angekündigt, dass er für eine Wiederwahl nicht zur Verfügung stehe.

Diesen Schritt begründete er so:

„Meine Überlegung ist, dass ich am Ende einer möglichen zweiten Amtszeit 72 Jahre alt wäre, und dann auch das Ende meiner Aufgabe als Erzbischof von München und Freising nahe sein wird. Ich finde, es sollte die jüngere Generation an die Reihe kommen. Und vielleicht ist es auch gut, wenn es häufiger einen Wechsel in dieser Aufgabe gibt. Ich habe das Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz sehr gerne ausgeübt, aber ‚alles hat seine Zeit‘“

Einen „häufigeren Wechsel“ hat auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer ins Gespräch gebracht. Im Interview mit der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“ regte er ein paar Änderungen an. Ihm schwebe ein Modell vor, wonach alle Erzbischöfe in alphabetischer Reihenfolge das Amt übernähmen, allerdings nur für drei statt der bisher vorgesehenen sechs Jahre. Demnach wäre erst der Erzbischof von Bamberg, dann nach jeweils drei Jahren Berlin, Freiburg, Hamburg, Köln, München und Paderborn an der Reihe.

Diese Modell, so Voderholzer, passe “recht gut zum katholischen Verständnis von Kirche und auch zu den Überlegungen von Papst Franziskus”. Dadurch würde auch die Personaldebatte entfallen, ebenso “ein wie auch immer gearteter Wahlkampf, und eben deshalb auch die damit verbundene Politisierung”. Voderholzer sagte der Tagespost, er möchte, dass die Bischöfe “in Ruhe” über diesen Vorschlag reden, “auch wenn wir dann erst in der Herbstvollversammlung zu einer Entscheidung gelangen”.

Wie wird aber bisher der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz gewählt? Auch damit habe ich mich intensiv auseinandergesetzt und dafür die Statuten der DBK gewälzt. Alle Hintergründe zum wohl wichtigsten Kleriker-Gremium in Deutschland, sowie Antworten auf die entscheidenden Fragen (“Kann ein Vorsitzender die Lehre der Kirche verändern?” oder “Darf man den Vorsitzenden unter Umständen vorzeitig abwählen?”) finden Sie hier in meinem Artikel für CNA Deutsch.

Mit Spannung wird ebenfalls erwartet, welche Impulse der neue DBK-Vorsitzende dem sogenannten „Synodalen Weg“ geben wird. Dieser Prozess läuft seit dem ersten Adventssonntag und wurde bislang von Kardinal Marx entscheidend mitgeprägt. Doch selbst innerhalb des Bischofkollegiums ist der „Synodale Weg“ nicht unumstritten. Nach der ersten Synodalversammlung Ende Januar in Frankfurt sprach beispielsweise der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, davon, dass all seine Befürchtungen eingetroffen seien. Er bezeichnete die Versammlung sogar als „quasi protestantisches Kirchenparlament“. 

Diese Aussage ist bei einigen auf massive Kritik gestoßen und hatte unter anderem zufolge, dass ein ehemaliger Mitarbeiter des Westdeutschen Rundfunks eine Online-Petition gegen Woelki startete. Am letzten Montag zog schließlich eine Gruppe von Befürwortern des Kölner Erzbischofs nach und startete eine Gegenpetition. Bislang hatte sich der Kardinal nicht zu den Geschehnissen geäußert.

Bislang! Am letzten Freitag schließlich sprach Kardinal Woelki erstmals über die Online-Petitionen und ging im Interview mit CNA Deutsch dabei auch auf seine Kritiker ein. Wir haben außerdem mit ihm über den „Synodalen Weg“ gesprochen, für den er weiterhin Optimierungsbedarf sieht.

Das komplette Exklusiv-Interview mit Kardinal Woelki gibt es hier zum Nachlesen!

P.S.: Große Teile dieses Artikels (also eigentlich fast alle) habe ich fast 1:1 übernommen aus meinem Beitrag für den letzten CNA-Podcast. Wer meine Stimme nicht ertragen kann, darf deshalb gerne öfter hier auf dieser Seite vorbeischauen…

Titelbild: (c) Rudolf Gehrig / CNA Deutsch

Der Brief von Papst Franziskus: Traue niemals einer Zusammenfassung!

„In seinem 5700 Worte langen Brief betont der Papst wiederholt mit großer Deutlichkeit, dass die Kirche dazu da ist, den Glauben zu verkünden“, meldete CNA Deutsch am Samstagmittag des 29. Juni 2019. Wie bereits am Mittwoch bekannt wurde, hat Papst Franziskus einen Brief an die Gläubigen in Deutschland geschrieben. Zuerst wurde angenommen, der Text sei nur für die Bischöfe bestimmt. Dann wurden die Meldungen korrigiert mit dem Hinweis, der Brief sei an alle Katholiken in Deutschland gerichtet. Trotzdem wollte die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) erst drei Tage später – am heutigen Samstag – das Schreiben dem übrigen Kirchenvolk vorstellen.

Dies ist nun geschehen. Obwohl der sehr umfangreiche Papst-Brief von der weltlichen Öffentlichkeit weitgehend nicht einmal mit einem Achselzucken bedacht wird, wird in einschlägigen katholischen Foren bereits heiß über den Inhalt diskutiert.

Bei “katholisch-de”, dem “Internetportal der Katholischen Kirche in Deutschland” (Selbstbezeichnung), liest es sich so: “Papst Franziskus unterstützt deutsche Katholiken beim ‘synodalen Weg’.” Unterstützung hat der Heilige Vater tatsächlich zugesagt, er schreibt: “Die Sachlagen und Fragestellungen, die ich mit Euren Hirten anlässlich des letzten Ad-Limina-Besuches besprechen konnte, finden sicherlich weiterhin Resonanz in Euren Gemeinden. Wie bei jener Gelegenheit möchte ich Euch meine Unterstützung anbieten, meine Nähe auf dem gemeinsamen Weg kundtun und zur Suche nach einer freimütigen Antwort auf die gegenwärtige Situation ermuntern.”

Die klaren Worte von Franziskus zu jener “gegenwärtigen Situation” der Kirche fanden auch beim Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki Beifall:

“Dass Papst Franziskus sogar von ‘Erosion und Verfall des Glaubens’ in Deutschland spricht, zeigt, dass er wirklich nichts beschönigt und auch uns ermuntert, die Augen vor der Realität nicht zu verschließen. Die Krise der Kirche, da hat der Papst, so schmerzlich es ist, doch recht, ist in erster Linie eine Glaubenskrise.”

Was den sogenannten “synodalen Weg” betrifft, für den die Deutsche Bischofskonferenz seit einiger Zeit wirbt, findet der Heilige Vater jedoch deutliche Worte der Warnung. Der Begriff “synodaler Weg” stammt von der letzten Frühjahrsvollversammlung, er soll einen Weg beschreiben, bei dem es um Machtfragen innerhalb der Kirche geht und eine eventuelle Neuausrichtung der bisherigen Kirchenlehre in Bezug auf die Sexualmoral und den Zugang zu den Weiheämtern.

Dazu schreibt Franziskus, dass “eine der ersten und größten Versuchungen im kirchlichen Bereich darin bestehe zu glauben, dass die Lösungen der derzeitigen und zukünftigen Probleme ausschließlich auf dem Wege der Reform von Strukturen, Organisationen und Verwaltung zu erreichen sei, dass diese aber schlussendlich in keiner Weise die vitalen Punkte berühren, die eigentlich der Aufmerksamkeit bedürfen.” Er erinnert an sein Schreiben Evangelii Gaudium, bei dem er bereits warnte: “Es handelt sich um eine Art neuen Pelagianismus, der dazu führt, unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat. Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert aber das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen”.

Viel Text, viel Kirchendeutsch

In den ersten Reaktionen auf den Brief kritisieren viele Leser den großen Umfang des Papst-Schreibens. Mehrfach wird außerdem angemerkt, dass die Wortwahl “zu kirchisch” sei und teilweise über die Köpfe und das Verstehen des gläubigen “Fußvolkes” hinweggehe. Möglicherweise lag in dieser pastoralen Rücksichtnahme die Motivation der Pressestelle der Bischofskonferenz, den wichtigen Brief des Oberhirten an seine deutschen Schäfchen erst nach einem dreitägigen Wirkungs- und Verstehensprozess zu veröffentlichen. Umso interessanter ist die Feststellung, dass der Vorsitzende der DBK, Reinhard Kardinal Marx, wie auch der Vorsitzende des “Zentralkomitees der deutschen Katholiken” (ZdK), Thomas Sternberg, nach drei Tagen der Meditation trotzdem zu dem Schluss kommen, der Brief lade sie ein, “den angestoßenen Prozess in diesem Sinn weiterzugehen”. Dabei erhebt Franziskus noch einmal mahnend den Zeigefinger:

“Die derzeitige Situation anzunehmen und sie zu ertragen impliziert nicht Passivität oder Resignation und noch weniger Fahrlässigkeit; sie ist im Gegenteil eine Einladung, sich dem zu stellen, was in uns und in unseren Gemeinden abgestorben ist, was der Evangelisieren und der Heimsuchung durch den Herrn bedarf. Das aber verlangt Mut, denn, wessen wir bedürfen, ist viel mehr als ein struktureller, organisatorischer oder funktionaler Wandel.”

Vielleicht sind es die vielen irreführenden Zusammenfassungen, die zu den unterschiedlichen Deutungen geführt haben. Ein derart langes Schreiben lädt sicherlich dazu ein Rosinenpickerjournalismus zu betreiben und jene Sätze herauszustreichen, die der eigenen kirchenpolitischen Einstellung widerstreben. Auch der Verfasser dieser Zeilen kann sich dieser Versuchung nicht komplett erwehren.

Aus diesem Grund mein persönlicher Sommer-Tipp für diesen warmen, bundesliga-freien Samstagnachmittag:

Nehmen Sie sich einen kühlen Drink, setzen Sie sich auf die Terrasse (Sonnencreme nicht vergessen) und meditieren Sie in Ruhe über den Text des Heiligen Vaters. Lassen Sie sich nicht davon abschrecken, dass einige dem Kirchenvolk die Fähigkeit absprechen wollen, den Original-Text zu verstehen und Ihnen deshalb Deutungen aufnötigen. Bei Rückfragen und Anmerkungen wird Ihnen Ihr Heimatpfarrer nach der morgigen Sonntagsmesse sicher zur Verfügung stehen.

Trauen Sie niemals einer Zusammenfassung! Lesen Sie hier das Original im Wortlaut.

Foto: Daniel Ibanez / Catholic News Agency

Bischof Kohlgraf rätselt

Im Kommunionstreit hat sich Bischof Peter Kohlgraf erneut zu Wort gemeldet. Bereits in der Vergangenheit hatte er sich über das aktuelle Streitthema so geäußert:

“Denken wir eigentlich, wir müssten den lieben Gott beschützen, indem wir bestimmen, wer zur Kommunion gehen darf und wer nicht?”

Zu meinem Artikel bei CNA Deutsch geht’s hier lang.