Berufskrankheit: Eitelkeit

Journalisten, so hat mir einmal ein alter Zeitungshase mal verraten, leiden unter einer Berufskrankheit: Es ist die Eitelkeit. Journalisten möchten gerne gehätschelt und bewundert werden, von den einen gefürchtet, von den anderen für ihre Furchtlosigkeit geliebt werden. Einen ehrfurchtsvoller Blick und die Bestätigung, dass sie einen wichtigen Job machen. Sie wollen anders sein, etwas Besonderes.

Da jeder Mensch etwas Besonderes ist, ist das an und für sich kein Problem. Doch warum ist das so? Haben Journalisten, Redakteure, Reporter, Fernsehleute, Radiosprecher und sonstige Medienmacher ein höheres Geltungsbedürfnis als andere Berufsgruppen? In unserer EWTN-Serie „Rudolf will’s wissen – Wie erkenne ich Gottes Plan für mein Leben“ habe ich den Passauer Bischof Stefan Oster SDB gefragt, was ihn eigentlich dazu gebracht hat, in seinem früheren Leben als Radiomoderator jeden Morgen so früh aufzustehen – nur für eine Radiosendung? Ein bisschen, das gab er zu, hatte das durchaus mit Eitelkeit zu tun. Aber: Sind alle Journalisten so?

Da bei mir selbst „Redakteur“ auf meinem Visitenkärtchen steht (oh ja, ich habe ein Visitenkärtchen, seht her, wie wichtig ich bin!), muss ich diese Frage natürlich erst einmal verneinen. Gerade in der katholischen Medienarbeit ist die Demut ein wichtiges Gut. Sich immer wieder klar zu machen, dass ich nur ein kleines Zahnrad im Weinbergstraktor des Herrn bin, der für das Reich Gottes arbeiten soll und nicht für das eigene Ego, gehört unbedingt dazu! Trotzdem: Oft genug gelingt mir das nicht. Haben Sie beispielsweise mal gezählt, wie oft in diesen drei Absätzen schon das kleine Wörtchen „ich“ vorkam?

Wie weit es mit der Demut her ist, habe ich gemerkt, als wir im Januar beim Weltjugendtag in Panama unsere Presseakkreditierungen für die kommenden Tage im Pressezentrum von Panama City abholen sollten. Mit einer solchen Akkreditierung bekommt man als Journalist besondere Zugänge und Privilegien, manchmal sogar kostenlose Verpflegung. Außerdem hat man dann ein cooles Presse-Schild mit dem eigenen Namen und einem Foto um den Hals hängen und die Security muss dich bei eigentlich geschlossenen Veranstaltungen durchlassen. Oder du kommst wie beim Weltjugendtag in Krakau bis ganz vorne an die VIP-Plätze ran und kannst Fotos vom Papst aus nächster Nähe schießen.

Dass sich Eitelkeit nicht mit dem Berufsbild eines katholischen Journalisten verträgt, ist klar. Ganz davor gefeit ist man jedoch nicht immer.

Doch dieses Mal sah es so aus, als müsste ich dem Papst – wenn überhaupt – vom Fernseher aus zusehen, denn: Mein Presseausweis war noch nicht da. Meinen Kollegen ging es genauso. Lediglich zwei Kollegen erhielten ihren Ausweis. Der Rest guckte in die Röhre. Wir sollten am nächsten Tag noch einmal kommen, doch da waren sie – Überraschung! – immer noch nicht da. Das nagte natürlich am Ego. Wir hatten am ersten Tag ausnahmsweise mal ohne Ausweis hinter die Absperrung in das Pressezentrum hineingedurft, konnten schon einmal den süßen Duft der Wichtigkeit kosten und die Fressmeile begutachten. Doch jetzt standen wir draußen und drückten uns an der Fensterscheibe die Nasen platt.

Schließlich wurde mein Name aufgerufen. Da war das Ding. Einlaminiert. Erhaben. Ehrfurchtgebietend. Und: Leider fehlerhaft. Zwei zusätzliche Ziffern an der Stelle, wo meine ansonsten korrekte Passnummer steht, sorgten dafür, dass mein Presseausweis in der Hand der freundlichen Dame blieb. Ich hatte ihn noch nicht einmal berühren dürfen.

Die Dame fragte eine andere Dame. Hielt meinen Reisepass an mein rechtes Ohr, meinen fehlerhaften Presseausweis an mein anderes, zeigte auf mein Gesicht in der Mitte und signalisierte, dass sie persönlich der Überzeugung sei, dass ich mit der Person identisch bin, die auf dem Presseausweis zu sehen ist. Die andere Dame holte eine weitere Dame dazu. Diese ging zu einem Polizisten. Der wiederum rief einen anderen Polizisten herbei. Dieser hatte ein Funkgerät, sodass ich wenige Minuten später von noch mehr Polizisten umringt war.

Dann kam der große Auftritt des Polizeichefs. Auch er wurde angefunkt. Sein Blick war grimmig, in seinem Gesicht konnte man die Warnung lesen: „Hoffentlich ist es wichtig!“ Wieder der direkte Gesichtsvergleich. Kurze Diskussion. Dann ein paar Worte auf Spanisch von ihm. Ein erlösendes Nicken. Bevor er wieder ging, gab er mir noch kurz die Hand und knurrte ein kurzes „God bless you and welcome to Panama!“

Die ältere Dame, die mich während meines Marsches durch die Institutionen begleitet hatte, jubelte und überreichte mir nun fast schon feierlich meinen Ausweis. Ich hatte es geschafft. Ich war erleichtert und erschöpft. Nun würde ich also alle Sperren und Mauern überwinden können, wichtigen Leuten wichtige Fragen stellen und an der Fressmeile das ein oder andere Sandwich abstauben.

Auf der anderen Seite bedeutet dies auch: Ich „muss“ nun doch arbeiten. Das war es also mit: „Sorry, Chef, mein Ausweis ist nicht korrekt. Ich werde mich in den kommenden Tagen leider an den Strand legen müssen, aber wir sehen uns dann wieder auf dem Rückflug.“

Jedoch: Ein paar Tage später kam die Nachricht, dass wir eventuell erneut zum Pressezentrum müssen, um uns neue Ausweise zu holen. Es gab wohl einen Systemfehler – eventuell durch den zwischenzeitlichen landesweiten (!) Stromausfall. Unsere Ausweise waren also wieder ungültig. Und dies alles einen Tag vor unserer ersten Live-Übertragung. Ist noch jemand der Meinung, katholisches Fernsehen sei langweilig?

Doch letztlich ging alles gut. Wir bekamen neue Ausweise, fanden meist einen Weg zu unserem Kameraset und hatten trotz der ganzen Schwierigkeiten eine eindrucksvolle Zeit in Panama mit vielen Live-Sendungen. Es war eine wichtige Erfahrung, dass nicht alles von uns abhängt. Besonders dann, als einem unserer Kameramänner der Rucksack mit seiner kompletten Ausrüstung gestohlen wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.

Hinweis: Dies ist die leicht überarbeitete Version eines Beitrags, der zuerst auf dem EWTN-Weltjugendtagsblog unter Panama19.de erschien.

Als Papst Franziskus gleich zweimal unsere Live-Übertragung crashte

Vor etwa fünf Monaten war ich schon einmal ganz ähnlich warmen Temperaturen ausgesetzt. Ende Januar fand am anderen Ende der Welt in Panama der Weltjugendtag statt und ich bin mit dem katholischen Fernsehsender EWTN vor Ort gewesen. Dabei haben sich immer wieder unvorhergesehene Dinge ereignet. Ein Beispiel war unsere Live-Übertragung am 24. Januar 2019. Es war die Willkommenszeremonie für Papst Franziskus an der Cinta Costera. Wir sind eine halbe Stunde eher auf Sendung gegangen, um die bisherigen Ereignisse des Weltjugendtags zusammenzufassen. Dafür haben wir zwei Studiogäste eingeladen, den Augsburger Jugendseelsorger Johannes Prestele sowie den Weltjugendtagspilger Mathias Blum. Doch wie so oft: Es kam ganz anders.

Fast eine halbe Stunde früher (!) als geplant traf Papst Franziskus ein. Wir hatten uns gerade die Stöpsel ins Ohr gesteckt, als hinter uns die ersten Wagen mit Blaulicht eintrafen und kurz darauf das Papamobil angerauscht kam. Verwirrt versuchte ich gegen den ohrenbetäubenden Applaus meinen ersten Gast noch anständig zu begrüßen, bevor ich ihn schon wieder aus der Sendung schmeißen musste, weil der Papst die Altarinsel erreichte und von da an unsere Kommentatoren Martin Rothweiler und Robert Rauhut übernehmen sollten.

Es folgte eine sehr stimmungsvolle Willkommenszeremonie für den Heiligen Vater, bei der wieder viel getanzt und gesungen wurde. Auch unsere Studiogäste waren beeindruckt, da sie direkt bei uns auf der Pressetribüne geblieben sind und so einen unvergleichlich schöne Aussicht auf die gesamte Szenerie hatten.

Letztlich kamen Johannes und Mathias doch noch zum Zug: Da der Papst früher ankam als gedacht, war die Willkommenszeremonie auch früher wieder zu Ende. So konnte Kaplan Johannes Prestele noch von seinen Eindrücken bei den Tagen der Begegnung sprechen, an denen er mit seiner Pilgergruppe teilgenommen hatte. Er berichtete davon, wie er beispielsweise von den Gastgebern gebeten wurde, die Heilige Messe im Dorf zu feiern – und zwar auf Spanisch. Und das, obwohl sein Spanisch gar nicht so gut sei, erzählte Johannes. Doch offenbar reichten seine Kenntnisse aus, um die Predigt des Papstes bei der Willkommenszeremonie zu verstehen:

„Mich hat es persönlich sehr beeindruckt, dass er gesagt hat, es muss konkret weitergehen und dass das Gebet ganz entscheidend ist.“

Anschließend kam noch Mathias Blum in die Sendung. Er stammt aus der beschaulichen Ortschaft Oberried im bayerischen Schwabenland und berichtete von seinem Alltag als Katholik, der versucht, möglichst jeden Tag eine Heilige Messe zu besuchen. Ich kenne ihn schon länger, doch dass der Papst seinem verstorbenen Opa ähnlich sähe, erfuhr ich an diesem Abend auch zum ersten Mal…

Mathias erzählte auch, dass er ursprünglich gar nicht vorhatte, zum Weltjugendtag nach Panama zu fahren. Am Ende hatte er sich dann doch umentschieden und seine euphorischen Schilderungen des bisher Erlebten zeigten, dass er diese Entscheidung auf keinen Fall bereut. Zumal er neben der Stärkung im Glauben und der Gemeinschaft ein weiteres Argument für den Weltjugendtag parat hat:

„Hier sollen die Mädels ja auch ganz nett sein“

Die komplette Sendung gibt es hier:

Hinweis: Dies ist die leicht überarbeitete Version eines Beitrags, der zuerst auf dem EWTN-Weltjugendtagsblog unter Panama19.de erschien.

Der Brief von Papst Franziskus: Traue niemals einer Zusammenfassung!

„In seinem 5700 Worte langen Brief betont der Papst wiederholt mit großer Deutlichkeit, dass die Kirche dazu da ist, den Glauben zu verkünden“, meldete CNA Deutsch am Samstagmittag des 29. Juni 2019. Wie bereits am Mittwoch bekannt wurde, hat Papst Franziskus einen Brief an die Gläubigen in Deutschland geschrieben. Zuerst wurde angenommen, der Text sei nur für die Bischöfe bestimmt. Dann wurden die Meldungen korrigiert mit dem Hinweis, der Brief sei an alle Katholiken in Deutschland gerichtet. Trotzdem wollte die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) erst drei Tage später – am heutigen Samstag – das Schreiben dem übrigen Kirchenvolk vorstellen.

Dies ist nun geschehen. Obwohl der sehr umfangreiche Papst-Brief von der weltlichen Öffentlichkeit weitgehend nicht einmal mit einem Achselzucken bedacht wird, wird in einschlägigen katholischen Foren bereits heiß über den Inhalt diskutiert.

Bei “katholisch-de”, dem “Internetportal der Katholischen Kirche in Deutschland” (Selbstbezeichnung), liest es sich so: “Papst Franziskus unterstützt deutsche Katholiken beim ‘synodalen Weg’.” Unterstützung hat der Heilige Vater tatsächlich zugesagt, er schreibt: “Die Sachlagen und Fragestellungen, die ich mit Euren Hirten anlässlich des letzten Ad-Limina-Besuches besprechen konnte, finden sicherlich weiterhin Resonanz in Euren Gemeinden. Wie bei jener Gelegenheit möchte ich Euch meine Unterstützung anbieten, meine Nähe auf dem gemeinsamen Weg kundtun und zur Suche nach einer freimütigen Antwort auf die gegenwärtige Situation ermuntern.”

Die klaren Worte von Franziskus zu jener “gegenwärtigen Situation” der Kirche fanden auch beim Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki Beifall:

“Dass Papst Franziskus sogar von ‘Erosion und Verfall des Glaubens’ in Deutschland spricht, zeigt, dass er wirklich nichts beschönigt und auch uns ermuntert, die Augen vor der Realität nicht zu verschließen. Die Krise der Kirche, da hat der Papst, so schmerzlich es ist, doch recht, ist in erster Linie eine Glaubenskrise.”

Was den sogenannten “synodalen Weg” betrifft, für den die Deutsche Bischofskonferenz seit einiger Zeit wirbt, findet der Heilige Vater jedoch deutliche Worte der Warnung. Der Begriff “synodaler Weg” stammt von der letzten Frühjahrsvollversammlung, er soll einen Weg beschreiben, bei dem es um Machtfragen innerhalb der Kirche geht und eine eventuelle Neuausrichtung der bisherigen Kirchenlehre in Bezug auf die Sexualmoral und den Zugang zu den Weiheämtern.

Dazu schreibt Franziskus, dass “eine der ersten und größten Versuchungen im kirchlichen Bereich darin bestehe zu glauben, dass die Lösungen der derzeitigen und zukünftigen Probleme ausschließlich auf dem Wege der Reform von Strukturen, Organisationen und Verwaltung zu erreichen sei, dass diese aber schlussendlich in keiner Weise die vitalen Punkte berühren, die eigentlich der Aufmerksamkeit bedürfen.” Er erinnert an sein Schreiben Evangelii Gaudium, bei dem er bereits warnte: “Es handelt sich um eine Art neuen Pelagianismus, der dazu führt, unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat. Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert aber das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen”.

Viel Text, viel Kirchendeutsch

In den ersten Reaktionen auf den Brief kritisieren viele Leser den großen Umfang des Papst-Schreibens. Mehrfach wird außerdem angemerkt, dass die Wortwahl “zu kirchisch” sei und teilweise über die Köpfe und das Verstehen des gläubigen “Fußvolkes” hinweggehe. Möglicherweise lag in dieser pastoralen Rücksichtnahme die Motivation der Pressestelle der Bischofskonferenz, den wichtigen Brief des Oberhirten an seine deutschen Schäfchen erst nach einem dreitägigen Wirkungs- und Verstehensprozess zu veröffentlichen. Umso interessanter ist die Feststellung, dass der Vorsitzende der DBK, Reinhard Kardinal Marx, wie auch der Vorsitzende des “Zentralkomitees der deutschen Katholiken” (ZdK), Thomas Sternberg, nach drei Tagen der Meditation trotzdem zu dem Schluss kommen, der Brief lade sie ein, “den angestoßenen Prozess in diesem Sinn weiterzugehen”. Dabei erhebt Franziskus noch einmal mahnend den Zeigefinger:

“Die derzeitige Situation anzunehmen und sie zu ertragen impliziert nicht Passivität oder Resignation und noch weniger Fahrlässigkeit; sie ist im Gegenteil eine Einladung, sich dem zu stellen, was in uns und in unseren Gemeinden abgestorben ist, was der Evangelisieren und der Heimsuchung durch den Herrn bedarf. Das aber verlangt Mut, denn, wessen wir bedürfen, ist viel mehr als ein struktureller, organisatorischer oder funktionaler Wandel.”

Vielleicht sind es die vielen irreführenden Zusammenfassungen, die zu den unterschiedlichen Deutungen geführt haben. Ein derart langes Schreiben lädt sicherlich dazu ein Rosinenpickerjournalismus zu betreiben und jene Sätze herauszustreichen, die der eigenen kirchenpolitischen Einstellung widerstreben. Auch der Verfasser dieser Zeilen kann sich dieser Versuchung nicht komplett erwehren.

Aus diesem Grund mein persönlicher Sommer-Tipp für diesen warmen, bundesliga-freien Samstagnachmittag:

Nehmen Sie sich einen kühlen Drink, setzen Sie sich auf die Terrasse (Sonnencreme nicht vergessen) und meditieren Sie in Ruhe über den Text des Heiligen Vaters. Lassen Sie sich nicht davon abschrecken, dass einige dem Kirchenvolk die Fähigkeit absprechen wollen, den Original-Text zu verstehen und Ihnen deshalb Deutungen aufnötigen. Bei Rückfragen und Anmerkungen wird Ihnen Ihr Heimatpfarrer nach der morgigen Sonntagsmesse sicher zur Verfügung stehen.

Trauen Sie niemals einer Zusammenfassung! Lesen Sie hier das Original im Wortlaut.

Foto: Daniel Ibanez / Catholic News Agency