Es liegt in der Natur der Sache, dass die, die den Papst wirklich aus der Nähe kennen und ihn so erleben dürfen, wie er wirklich ist, in der Regel nicht darüber sprechen. Oder nicht darüber sprechen wollen.

Und dann gibt es die, die immerhin weit vorne sitzen und manchmal sogar einen flüchtigen Blick in den Maschinenraum werfen dürfen. Sie wissen viel weniger, wollen dafür aber ständig darüber sprechen.

Als Vatikan-Journalist gehöre ich natürlich zur zweiten Gruppe.

Und so nehme ich mir ungefragt das Recht heraus, am ersten Jahrestag des Pontifikats von Papst Leo XIV. über meine persönlichen Begegnungen mit dem Heiligen Vater zu sprechen.

Ich muss gestehen, dass ich Papst Leo XIV. bei unserer allerersten Begegnung gar nicht richtig gesehen habe. Als am 8. Mai 2025 weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle in Rom aufstieg, war ich mit meinen Kollegen von EWTN in unserem Freiluftstudio an der Via della Conciliazione, mit dem Rücken zum Petersplatz und zum Petersdom.

Ich war gut vorbereitet. Einen dicken Ordner hatte ich angeschleppt, meine Frau hatte ihn mir besorgt, „in Kardinalsrot“, wie sie schelmisch sagte. Darin waren die Namen und die Kurzbiografien der wahlberechtigten 133 Kardinäle, nur für den Fall, dass das Internet ausfällt oder der Computer keinen Strom mehr hat.

Wer ist Prevost?

Als der Kardinalprotodiakon Dominique Mamberti das „Habemus Papam“ über den Platz und hinaus in die ganze Welt donnerte, lief mir ein Schauer der Ergriffenheit den Rücken hinunter. Vielleicht lag es auch daran, dass Mamberti weiterhin zu meinem Rücken sprach, denn schließlich waren wir live auf Sendung und mussten nach vorn zu den Kameras blicken, die ebenfalls gen Petersplatz gerichtet waren.

Als Mamberti endlich den Namen des Kardinals Robert Francis Prevost verkündete, musste ich in meinem Kardinalsordner hektisch ein paar Seiten weiterblättern. Ich hatte meinen Finger die ganze Zeit bei „Parolin“ liegen, den ich ehrlicherweise erwartet hatte.

Mit Kardinal Prevost hatte ich nicht gerechnet.

Natürlich hatte ich den Namen schon gehört. Er leitete er das Dikasterium für die Bischöfe und spielte eine Rolle in der Auseinandersetzung mit dem umstrittenen „Synodalen Weg“ in Deutschland. Aber sonst?

Wenn mein Gedächtnis mich nicht im Stich gelassen hätte, hätte ich mich vielleicht daran erinnert, dass ich bereits zwei Monate vorher mit ihm zu tun hatte. An einem kalten Montagabend, es war der 3. März 2025, sollte ich als Übersetzer und Kommentator bei meinen US-amerikanischen Kollegen aushelfen. Papst Franziskus befand sich zu diesem Zeitpunkt im Krankenhaus, und in dieser Zeit versammelten sich an jedem Abend hunderte Gläubige auf dem Petersplatz, um den Rosenkranz für den erkrankten Pontifex zu beten. Meine Aufgabe war es, für die Kollegen von EWTN Amerika den Rosenkranz zu übersetzen. Wie schon an den Abenden zuvor wurde auch dieser Rosenkranz von einem in Rom ansässigen Kardinal geleitet. Sie ahnen es vermutlich schon: An diesem Abend war es Kardinal Robert Francis Prevost.

Ich erinnere mich noch daran, dass ich meine Kollegen gefragt habe, wie man seinen Nachnamen richtig ausspricht. Außerdem konnte ich unzählige interessante Details über seinen bisherigen Lebenslauf aus dem Internet zusammentragen. Fast nichts habe ich davon am Ende während der Liveübertragung benutzt (hier der originale Livestream). Und das Meiste habe ich nach diesem Abend auch direkt wieder vergessen. Als knapp zwei Monate später auf dem Petersplatz wieder der Name „Prevost“ fiel, stand ich ganz schön blöd da. 

Und er stand plötzlich auf dem Balkon.

Drehe ihnen niemals den Rücken zu! 

Das Faszinierende war, dass meine Kollegen und ich die Ankunft des neuen Papstes regelrecht in unseren Rücken spürten, noch bevor er auf den Balkon trat. Ich hätte nie gedacht, wie laut das sein kann, wenn zehntausende Menschen gleichzeitig den Atem anhalten. 

„Der Friede sei mit euch“, begann der Papst. „Jetzt bloß nicht umdrehen“, schoss es mir durch den Kopf. Es gibt eine eiserne Regel im Fernseh-Geschäft, die sich auf das Fernsehpublikum bezieht, die aber auch aus dem Handbuch für den Umgang mit Bären in freier Wildbahn stammen könnte: Drehe ihnen niemals den Rücken zu!

Ich hielt eine ganze Weile durch. Als Papst Leo schließlich das Ave Maria anstimmte und der ganze Platz in das Gebet mit einstimmte, wagte ich es endlich. Ich wollte den Papst mit eigenen Augen sehen. Ich drehte mich einfach um.

Und ich sah: Nichts. 

Naja, zumindest nicht das, was ich sehen wollte. Der Obelisk auf dem Petersplatz stand im Weg. Er versperrte mir die Sicht auf den Papst. Stattdessen sah ich das große Metallkreuz auf der Spitze des Obelisken. Minuten vorher hatte ich in unserer Live-Sendung noch mit dem Angeberwissen geprahlt, dass dieses Metallkreuz eine Reliquie des Kreuzes Christi enthält und dass dies vermutlich das erste sei, was der neue Papst sehen wird, wenn er auf den Balkon tritt. „So wird der neue Pontifex daran erinnert, um wen es eigentlich geht, nämlich um Jesus Christus“, hatte ich so oder so ähnlich etwas hochtrabend getönt. 

Und wie ich verzweifelt versuchte, irgendwie am Kreuz vorbei einen Blick auf den Papst zu erhaschen, wurde ich doch recht schmerzlich an meine eigenen Worte erinnert.

Ein Interview mit dem Papst

Immerhin hat mir mein Berufsleben dennoch Gelegenheiten beschert, Papst Leo persönlich zu erleben. 

Beim Jubiläum der Jugend in Tor Vergata vor den Toren Roms sorgte er für Begeisterungsstürme bei mehr als einer Million Jugendlichen, die aus aller Welt angereist waren. 

Bei der Gebetsvigil war ich mit EWTN vor Ort und durfte Zeuge werden, wie das ganze Feld verstummte, als Papst Leo vor dem Allerheiligsten auf die Knie ging.

Beim Jubiläum der marianischen Spiritualität durfte ich sogar selbst zum Ambo schreiten und auf dem Petersplatz eine Fürbitte verlesen. Wieder hatte ich den Papst in meinem Rücken.

Besonders kostbar bleibt mir auch die Erinnerung an den Tag, als die christliche Motorradgruppe „Jesus-Biker“ dem Heiligen Vater auf dem Petersplatz ein weißes „Papst-Motorrad“ überreichten. Ich hatte die Gruppe auf ihrer Fahrt von Deutschland nach Rom begleitet für unsere EWTN-Dokumentation.

Weil unser Kameramann bei der Übergabe selbst nicht vorgelassen wurde, musste ich mit meinem Handy filmen. Der Papst hatte sichtlich Freude an seinem Geschenk (obwohl er wusste, dass es später für einen guten Zweck versteigert werden würde). Als er sich am Schluss sogar auf das Motorrad setzte, gab es kein Halten mehr. 

Dann ging er noch kurz die Reihe ab und schüttelte ein paar Hände. Plötzlich sah ich über das Display meines Handys – ich filmte noch immer –, dass er mich direkt anblickte. Er begann, die Hand auszustrecken. Doch statt seine Hand zu schütteln, schüttelte ich nur den Kopf. Ich bedeutete ihm, dass ich beide Hände zum Filmen bräuchte. 

Nun ja, später brauchte ich beide Hände, um mir selbst auf die Stirn zu klatschen…

Immerhin habe ich Papst Leo später noch einmal nicht nur vor die Kamera, sondern auch vor das Mikrofon bekommen. In Castel Gandolfo, als der Papst gerade seine Residenz verließ und zum Auto schritt, rief ich ihm am 23. Dezember eine Frage zu einem Euthanasiegesetz in den USA zu. Weihnachten sei eine gute Gelegenheit, um über das menschliche Leben an sich zu reflektieren, sagte er. Er ergänzte: „Ich hoffe und bete, dass unser Respekt für das menschliche Leben wieder wächst, von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod.“

Für wen oder was steht Papst Leo XIV.?

Wer also ist Papst Leo? Aufgrund von ein paar Anekdoten kann man diese Frage nicht beantworten.

Wofür steht Papst Leo? Auch diese Frage lässt sich – will man sie im Detail beantworten – nach einem Jahr schwer beantworten.

Klar ist nur, für wen der Papst (ein)steht.

Besonders eindrücklich wurde mir das bewusst während der Heiligen Messe am 18. Mai 2025. Das war bei seiner Amtseinführung. Man kann selbst in der TV-Aufzeichnung sehen, welche Gefühlsregungen Papst Leo XIV. durchströmt haben müssen, nachdem ihm Kardinal Tagle den Fischerring überreicht und angesteckt hatte. 

Papst Benedikt XVI. hatte diese Erschütterung nach seiner Wahl einst als „Fallbeil“ beschrieben, bei dem ihm „schwindelig“ geworden sei. 

Doch wie Benedikt ist auch Papst Leo nur ein Mensch. Schließlich entfährt ihm ein fast unmerkliches Nicken, während er die Lippen fest aufeinanderpresst. Er stützt sie noch auf seine Zeigefingerspitzen, die leicht zittern. 

Als die Orgel einsetzt, holt Leo Luft. Ganz tief saugt er den Sauerstoff ein. Dann geht sein Blick nach oben.

Zu dem, der ihm nun eine Herde von Milliarden Katholiken anvertraut hat.

Hier können Sie sich unsere gesamte Berichterstattung rund um das Konklave noch einmal ansehen:

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