Als ich am Morgen des 8. Mai 2025 erstmals in meine neuen, schwarzen Anzugschuhe schlüpfte, wusste ich, dass ich an diesem Tag viel werde leiden müssen. Wie das so ist mit neuen Schuhen, sie müssen erst eingelaufen werden. Meine Frau hatte mir die Schuhe erst am Vortag besorgt, doch hätte ich gewusst, wie lange, wie intensiv dieser Arbeitstag für mich werden würde, hätte ich an diesem 8. Mai wohl bequemeres Schuhwerk getragen.
Aber dazu später mehr.
Generell wurde sehr viel gelaufen in diesem Jahr. Zum Ende des Jahres 2024 hatte Papst Franziskus nämlich die Heiligen Pforten geöffnet und das Heilige Jahr ausgerufen. Pilgerströme aus der ganzen Welt machten sich auf, um nach Rom zu kommen, viele zu Fuß.
„Pilger der Hoffnung“ lautete das Motto, das Papst Franziskus für dieses ordentliche Heilige Jahr ausgewählt hatte. Und meine Güte, was hatten wir Hoffnung nötig in diesem Jahr!
Der Ukraine-Krieg wütete auch in diesem Jahr ungebremst weiter, als sich der russische Überfall im Februar bereits zum dritten Mal jährte. Dann war da der Konflikt im Heiligen Land, der einerseits unerträgliche humanitäre Zustände verursacht und andererseits innerhalb der säkularisierten Gesellschaft überwunden geglaubte Ressentiments wieder ans Tageslicht zerrte. „Jeder Krieg macht die Welt schlechter als sie vorher war“ – diese Worte wiederholte Papst Franziskus bei beinahe jedem seiner Auftritte, während die brennende Welt und ihre zündelnden Führer achselzuckend den Griff zum Feuerlöscher verweigerten.
Natürlich, nach wie vor fuhren fast täglich Staatskarossen vor den Apostolischen Palast in Rom vor, Staats- und Regierungschefs grinsten beim Foto mit dem Papst in die Kamera.
Jedoch: Die leidenschaftlichen Appelle des Stellvertreters Christi auf Erden, sie wurden höflich zur Kenntnis genommen. Es schien, als habe die Kirche ihren Anspruch als moralisches Gewissen schon längst verloren.
Und dann? Dann starb der Papst.
Seit Februar ging es Papst Franziskus deutlich schlechter. Spätestens ab März waren an jedem Abend Kameras aufgebaut vor der Gemelli-Klinik in Rom und vor dem Petersplatz, wo sich täglich hunderte Gläubige zum Rosenkranz verabredeten. Korrespondenten aus aller Welt berichteten über den aktuellen Zustand des Papstes, man konnte es sich nun auch nachts nicht mehr leisten, das Handy abzuschalten, in der Angst, die entscheidende Nachricht zu verpassen.
Das große Interesse zeigte: Der Papst lag zwar im Sterben, doch die Kirche war noch lange nicht tot.
Am Ostersonntag wurde Papst Franziskus in seinem Rollstuhl auf den Balkon des Petersdomes geschoben, um noch einmal den Segen Urbi et Orbi zu spenden. In der roten Reden-Mappe lag ein Zettel, auf dem lediglich zwei Wörter gedruckt waren, die der Papst mit hörbarer Anstrengung ins Mikrofon keuchte: „Buona Pasqua – frohe Ostern.“
Einen Tag später, am 21. April, dem Morgen des Ostermontag, tat Papst Franziskus seinen letzten Atemzug. 88 Mal läutete die große Glocke des Petersdoms, ein Glockenschlag für jedes Lebensjahr. Währenddessen kämpften wir Journalisten nicht nur um die besten Kameraplätze am Petersplatz, sondern auch mit der tiefstehenden Mittagssonne.
Die himmlische Regie wollte es so, dass die Beisetzung von Papst Franziskus ausgerechnet auf jenen Tag fiel, der für die Heiligsprechung von Carlo Acutis angedacht war.
Rom, die ewig laute Stadt, hielt für einen Tag inne, als der Leichnam von Franziskus durch die Straßen gefahren wurde zur Basilika Santa Maria Maggiore, wo er seine letzte Ruhestätte fand, unweit seiner Lieblingsikone Salus Populi Romani.
Dort hatte er vor und nach jeder Apostolischen Reise gebetet, nun war er seine letzte Reise angetreten. Als ich an jenem Tag endlich nachhause kam, stellte ich fest, dass ich mir meine Anzugschuhe endgültig ruiniert hatte. Die Sohle war kaputt, aufgesplittert. Die Schuhe, die ich während des Pontifikats von Franziskus bei unzähligen Pressekonferenzen und Reisen getragen hatte, gaben nun am Tage seiner Beisetzung endgültig ihren Geist auf.
Doch die Arbeit ging weiter. Und so kam es, dass ich knapp anderthalb Wochen bereits am frühen Morgen des 8. Mais mit meinen nagelneuen Schuhen in unserem EWTN-Studio in Rom saß und über meine Füße jammerte.
Es war erst der zweite Tag des Konklaves, vielleicht konnte ich heute früher nachhause. Doch wenige Stunden später, gegen 18:07 Uhr, brüllte ich mit meinem Kollegen Martin Rothweiler aufgeregt immer wieder diese zwei Worte ins Mikrofon: „Weißer Rauch!“
Die Kirche hatte wieder einen neuen Papst.
Es ist wirklich schwer zu beschreiben, was in den folgenden Stunden geschah. Die Menschenmassen, die über die Brücken, Straßen und Gehsteige zum Petersplatz strömten. Der Moment, als das „Habemus Papam“ durch die Gassen donnerte. Der Augenblick, als sich der rote Vorhang öffnete und der frühere Kardinal Robert Prevost in seiner neuen Arbeitskleidung auf den Balkon schritt und gemeinsam mit den Leuten das Ave Maria betete.
Und dann dieser Moment, wenn einem zum ersten Mal der Name „Papst Leo XIV.“ über die Lippen geht.
Vieles ist seitdem geschehen. Carlo Acutis und Piergiorgio Frassatti wurden trotzdem noch heiliggesprochen – ich war für EWTN live dabei und durfte die Heiligsprechung sogar live kommentieren.
Auch das Jubiläum der Jugend, ein rauschendes Glaubensfest, das das berühmte Weltjugendtagsfeeling eine Woche lang nach Rom brachte, fand statt mit einem neuen Papst, dem es direkt gelang, die Herzen der Jungen zu berühren.
Was den Vatikan und seine mühsame Kurienreform angeht, hat Papst Leo unter anderem bereits angestoßene Veränderungen korrigiert oder beschleunigt. Sein erstes Apostolisches Schreiben Delxi Te greift auf die Vorarbeit von Papst Franziskus zurück und auch bei seiner Auslandsreise orientierte sich Papst Leo am Wunsch seines Vorgängers. Sie führte ihn in die Türkei und an jenen Ort, wo vor 1700 Jahren das erste Ökumenische Konzil von Nizäa stattfand, dem wir unser Glaubensbekenntnis verdanken. Dann flog er weiter in den Libanon, wo er mit 150.000 Menschen die Heilige Messe feierte.
Neulich, einen Tag vor Heiligabend stand ich in Castel Gandolfo und wartete auf den Papst. Als er endlich herauskam, konnte ich ihm eine Frage zum Thema Lebensschutz zurufen. Es war für mich das erste Mal, dass Papst Leo XIV. in mein Mikrofon sprach.
Papst Leo und antwortete:
„Ich möchte alle Leute, besonders in dieser Weihnachtszeit, dazu einladen, mal über das Wesen des menschlichen Lebens und seine Schönheit nachzudenken. (…) Ich hoffe und bete, dass der Respekt vor dem Leben in allen Momenten der menschlichen Existenz wieder wächst und zwar von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod.“
An diesem Abend regnete es in Strömen und ich fror wie ein Hund.
Aber Fußschmerzen hatte ich nicht. Mittlerweile sind die Schuhe ganz gut eingelaufen. Wie auch das neue Pontifikat, so scheint es zumindest.
Als eine seiner ersten Amtshandlungen im neuen Jahr wird Papst Leo am 6. Januar die Heilige Pforte im Petersdom schließen und damit das Heilige Jahr offiziell beenden.
Während des Jubiläumsjahres sind schon jetzt mehr als 33 Millionen Menschen durch die heiligen Pforten geschritten.
Man könnte fast sagen: Es läuft für die Kirche.
Dieser Text erschien auch als Audio-Beitrag für Radio Horeb.
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