Robbie Williams und der heilige Joseph gehören für mich untrennbar zusammen. Das war nicht immer so, doch ein schicksalhafter Tag vor etwa zwanzig Jahren änderte alles.
Es war an einem 19. März, ich war in der Grundschule. Die Pause war vorüber und wir sollten uns brav in eine Reihe aufstellen, bis die Pausenaufsicht uns zurück in unsere Klassenzimmer führte. Ich kam auf die Idee, dieses eine Mal die Regeln zu brechen und überzeugte ein paar von den anderen Kindern, sich nicht in Reih und Glied aufzustellen, sondern sich lieber vor der Aufsicht zu verstecken und einmal um das Schulhaus herumzurennen.
Ich weiß nicht, warum ich das damals für eine gute Idee hielt. Ich könnte natürlich behaupten, ich hätte das nur getan, weil ich mich schon als Kind gegen Autoritäten aufgelehnt habe und was für ein wahnsinnig individueller Revolutionsführer ich damals gewesen bin. Die Wahrheit ist natürlich eine andere: Wie so oft, wenn heranwachsende Jungs etwas Dummes tun, wollen sie nur die Mädchen beeindrucken.
Doch wie so oft klappte das nicht.
Im Gegenteil: Es waren die Mädchen, die mich schließlich verpetzten. Die Direktorin war so wütend, dass sie es diesmal nicht bei Nachsitzen belassen wollte. Sie wollte allen Beteiligten einen Verweis schicken.
Selbstverständlich habe ich zu Hause nichts erzählt. Selbstverständlich hat meine Mutter noch am selben Tag von einer anderen Mutter aus dem Dorf davon erfahren. Selbstverständlich war der Ärger dann besonders groß.
Ich weiß bis heute, wie ich am Küchentisch saß, nachdem mir meine Mutter eine erste Standpauke verabreicht hatte. „Wenn der Papa heimkommt, wird der bestimmt auch noch was dazu sagen“, kündigte sie an und verließ den Raum. Wie ein Häufchen Elend, zutiefst zerknirscht und erschüttert, saß ich da und merkte erst jetzt, dass das Radio lief. Genau in diesem Moment spielten sie dort den Song „Feel“ von Robbie Williams.
Das Lied war damals noch neu, es lief häufig. Doch für mich bleibt es immer mit dieser Situation verbunden, wie ich in der Küche saß und mich elend fühlte. Der melancholische Unterton in diesem Song war der perfekte Soundtrack für meine Situation.
Als ich später in meinem Zimmer (das ich mir mit meinem Bruder teilen musste) meinen Heiligenkalender anstarrte, stellte ich fest, dass heute der Gedenktag des heiligen Joseph ist. Nun fühlte ich mich noch ein bisschen schlechter.
Warum habe ich heute, als die Direktorin mich zur Rede stellte, nicht das getan, was den heiligen Joseph am meisten auszeichnet? Warum habe ich nicht geschwiegen? Warum musste ich immer den großen Macker machen?
Zur Geschichte gehört auch, dass die Direktorin zwei Tage später entschieden hat, doch keine Schulverweise zu verschicken. Ein paar Eltern hatten sich beschwert und gefordert, die armen Kinder doch zu verschonen (meine Eltern übrigens nicht, sie bestanden darauf, dass ich für meinen Mist geradestehe).
Dennoch, ich kam mit einem blauen Auge davon. Doch jedes Mal, wenn am 19. März der heilige Joseph gefeiert wird, steigt wieder dieses kurze Gefühl der Beklemmung auf, das ich damals spürte, als ich nach der Standpauke am Küchentisch saß. Das Gleiche passierte erst neulich wieder, als ich im Supermarkt auf einmal „Feel“ von Robbie Williams hörte.
Ein besserer Mensch geworden bin ich dadurch nicht. Meinen ersten Verweis habe ich später auf dem Gymnasium kassiert, als ich einen Einmachgummi auf meine Chemie-Lehrerin gefeuert habe (selbst das hat keines der Mädchen beeindruckt). Später haben meine Eltern noch mehrere unerfreuliche Briefe von der Schule erhalten.
Doch wie heißt es so schön? Den ersten (Fast-)Verweis vergisst man nie. Und ich hatte damals wirklich die Absicht, mich zu bessern! Aber wie singt schon Robbie Williams:
“Not sure I understand this role I′ve been given. I sit and talk to God and He just laughs at my plans.”
Dieser Text erschien erstmals 2022 in der Kolumnenreihe „Die Kirche ist jung“ in der März-Ausgabe des VATICAN-Magazin.
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