Am 4. Oktober 2025 konnte sie endlich stattfinden, die große Sause: EWTN Deutschland hatte ins Maternushaus nach Köln eingeladen, um 25 Jahre einer Erfolgsgeschichte zu feiern, die sich so vermutlich nicht einmal die kühnsten Träumer hatten vorstellen können. EWTN konnte seinen 25. Geburtstag im deutschsprachigen Raum feiern.
Viele prominente Persönlichkeiten hatten ihre Glückwünsche übermittelt, doch die größte Überraschung kam am Tag selber: Papst Leo XIV. höchstpersönlich gratulierte mit einem Telegramm.
Als ich an diesem Nachmittag in Köln auf der Bühne stand (man hatte mir unvorsichtigerweise ein Mikrofon überlassen und mir gemeinsam mit Kollegin Amelie Beierle die Moderation anvertraut), konnte ich es selbst kaum glauben, nun schon immerhin seit 12 Jahren Teil dieser Geschichte zu sein.
Und natürlich musste ich daran denken, wie für EWTN – und für mich – alles angefangen hatte.
Die Geschichte von EWTN in Deutschland – und meine eigene
Ich hatte nichts dabei, außer meinem gebrochenem Herzen und meinem gebrochenem Hochdeutsch, als ich im Spätsommer des Jahres 2013 am Stadtrand der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn an der Wohnungstür der Familie Rothweiler klingelte. Ich hatte ein aufregendes Jahr hinter mir. Nach dem Abitur war ich zum ersten Mal von zuhause aus- und aus Franken weggezogen, hatte ein einjähriges Praktikum in der Pfarrei von Senden bei Ulm überstanden und endlich die lästige „P“-Frage geklärt: Will Gott, dass ich Priester werde oder nicht?
Im Juni hatte ich endlich Klarheit und kurz darauf auch eine Freundin – im Juli dann ein Vorstellungsgespräch und ein Mädchen, das nicht mehr mit mir zusammen sein wollte. An einem Samstagabend hatte sie mich angerufen und nach zwanzig Tagen Beziehung wieder Schluss gemacht. Genau zwei Wochen später saß ich dann an einem Samstagmorgen beim Ehepaar Rothweiler im Wohnzimmer in Bonn und wurde gefragt, was meine Lieblingssendung von EWTN sei.
Ich war nicht auf diese Frage vorbereitet. Ich hatte vorher nie von EWTN gehört, geschweige denn, gesehen. Ich hatte mich nur deshalb beworben, weil meine Ex-Freundin aus der Gegend kam. Ich wollte nichts lieber, als in ihrer Nähe zu sein.
Nun war dieser Grund hinfällig, aber einfach absagen wollte ich nicht. Der Herr Rothweiler war ja so nett am Telefon. Absagen könnte ich ja später immer noch, ganz feige per Email oder so. Also fuhr ich zum Vorstellungsgespräch nach Bonn und musste schon bei der dritten Frage lügen.
Meine Lieblingssendung? „Diese Sendung mit dem… ähm… Priester“, brachte ich schließlich hervor. Sicherlich wird es doch bei einem katholischen Sender eine Sendung mit einem Priester geben, vermutete ich. Unterdessen nickte Irene Rothweiler ihrem Ehemann vielsagend zu. „Er meint vermutlich die Sendung ‚Pater Johann’“, sagte sie. Erleichtert klatschte ich auf meinen Oberschenkel. „Ja, genau die“, rief ich aus und merkte dann doch, wie warmes Blut in meine Ohren schoss und das schlechte Gewissen von innen an meine Brust klopfte. Erst dann, als ich zwei Monate später mein Volontariat bei EWTN begann, stellte ich fest, dass „Pater Johann“ eine Kindersendung war mit Puppen.
Heute, fast zwölf Jahre später, kommt mir das alles so lächerlich vor. Und irgendwie auch wunderbar. Zu EWTN gekommen war ich eigentlich wegen einer jungen, hübschen Dame, die mir schließlich das Herz brach. Doch EWTN geblieben bin ich wegen einer älteren Dame mit Augenklappe, deren Herz für die Evangelisierung brannte.

Ein Scheidungskind schreibt TV-Geschichte
„Mother Angelica ist eine Kraft, mit der man rechnen muss“, sagte mir erst vor Kurzem Father John Paul, der sich als EWTN-Kaplan um das geistliche Wohl der Mitarbeiter kümmert. Erinnert hat mich das an einen Satz, den die Gründerin des Mediennetzwerkes sagte, als sie als „Fernseh-Nonne“ weltweit bekannt war (nur halt nicht bei mir in Unterfranken). Mother Angelica meinte einmal: „Viele Menschen sagen mir, dass sie glauben möchten. Was sie aber wirklich wollen, ist eine schnelle Hilfe gegen alles, was sie plagt.“
Welche Rolle Leid und Zurückweisung spielen, hatte sie schon früh erfahren. Am 20. April 1923 im US-Bundesstaat Ohio geboren, bekam sie von ihren italienisch-stämmigen Eltern den Namen Rita Antoinette Rizzo. Dann verließ der Vater die psychisch instabile Mutter und ließ sich von ihr scheiden. Mit voller Wucht brach die Weltwirtschaftskrise über die dezimierte Familie herein und der jungen Rita, die sich als Scheidungskind im gesellschaftlichen Abseits wähnte, machte nun auch noch ein schweres Magenleiden zu schaffen.
Hinzu kam ein schweres Magenleiden, und Rita Rizzo, die sich später rückblickend als „lauwarme Katholikin“ bezeichnete, erlebte eine Art Bekehrung, als sie durch das Gebet der Mystikerin Rhoda Wise überraschend geheilt wurde. Sie trat 1944 in das Kloster der Klarissen der Ewigen Anbetung in Cleveland ein und nahm dort den Ordensnamen Maria Angelica an.
Die Umstellung fiel der lebenslustigen und impulsiven Italo-Amerikanerin anfangs nicht leicht. So erzählte später eine ihrer Mitschwestern, dass die junge Schwester Angelica von der Oberin wiederholt öffentlich gerügt wurde. Als Angelica nach einer dieser Standpauken wortlos zu ihrem Platz zurückging und mit großem Appetit zu essen begann, fragte ihre Mitschwester mit Tränen in den Augen, wie sie denn jetzt noch essen könne. „Weil ich Hunger habe“, so die lapidare Antwort der jungen Novizin.
Die Garagen-Geburt des größten katholischen Mediennetzwerkes
Nachdem sie 1962 ihr erstes Kloster in Irondale (Alabama) gegründet hatte und als Oberin fortan mit „Mother Angelica“ angesprochen wurde, begann sie gleichzeitig mit der Produktion erster katholischer Fernsehsendungen, obwohl sie, wie sie freimütig zugab, vom Fernseh-Machen „keine Ahnung“ hatte. Mit lediglich 200 Dollar Startguthaben gründete sie 1981 in einem Schuppen ihres Klosters einen Fernsehsender, der den etwas sperrigen, doch vielsagenden Namen Eternal Word Television Network erhielt, kurz: EWTN. Viele wunderten sich über die hemdsärmelige Nonne, die sich und allen einredete, das werde schon klappen, wenn Gott auch ein bisschen mit anpackt „Wenn du nicht den Mut hast, etwas Lächerliches zu tun“, so ihr berühmtes Lebensmotte, „kann Gott auch nichts Wunderbares daraus machen.“
Trotz der Widrigkeiten und finanzieller Engpässe entwickelte sich EWTN mitten im protestantisch-evangelikal geprägten „Bible Belt“ zum Sprachrohr der US-Katholiken, begleitet vom ausdrücklichen Wohlwollen des damaligen Papstes Johannes Paul II., mit dem sie eine enge Freundschaft verband. Der Umstieg vom Kabelnetz auf Satellitenfernsehen ermöglichte in den 90er Jahren schließlich die Expansion des Senders nach Lateinamerika und nach Europa.
„Wenn du nicht den Mut hast, etwas Lächerliches zu tun, kann Gott auch nichts Wunderbares daraus machen.“ – Mother Angelica
In diesem Zeitraum reiste ein junger Theologe mit seiner Ehefrau, einer Künstlerin, in die USA, um Mother Angelica persönlich kennenzulernen. Die beiden wohnten in Bonn, hatten erst damit angefangen, eine Familie zu gründen und überlegten noch, ob sie das große Wagnis eingehen sollen. Über eine Stunde lang sprach das deutsche Paar mit der US-Nonne über Gott, die Kirche und die Philosophie des Thomas von Aquin. Als das Gespräch zu Ende war, funkelte die Nonne den Deutschen durch ihre dicken Brillengläser zufrieden an und sagte zu ihren Mitarbeitern: „I think, he can do it.“ Der Mann, dem diese Worte galten und der daraufhin begann, im Keller des Familienhauses nach und nach die Fernsehredaktion von EWTN Deutschland aufzubauen, war Martin Rothweiler. Und so fasste EWTN vor 25 Jahren schließlich Fuß im Lande Martin Luthers, Karl Rahners und Joseph Ratzingers.
Tür an Tür mit Harald Schmidt
Im selben Jahr trat in den USA Mutter Angelica als CEO von EWTN zurück, um sich wieder mehr dem Klosterleben zu widmen. Nach wie vor trat sie in ihren berühmt gewordenen „Mother Angelica live“-Shows auf, in denen sie in ihrer unverwechselbaren Art über Gott und seine Kirche sprach und geduldig die Fragen ihrer Zuschauer beantwortete, die telefonisch zugeschaltet wurden.
Eine Sendung handelte darüber, wie man sich anständig zu kleiden habe, als Mother Angelica schelmisch grinsend den älteren Zuschauern zurief: „Niemand sagt Ihnen das, weil alle befürchten, Ihre Gefühle zu verletzen. Aber glauben Sie mir: Bei manchen von euch alten Mädels ist es wirklich besser, etwas mehr zu bedecken! Was immer Sie herzeigen wollen, ist eh nicht mehr vorhanden.“ 2001 erschien sie zu einer ihrer Shows auf einmal mit Augenklappe und einem schief nach unten hängenden Mund. Sie hatte einen schweren Schlaganfall erlitten, wenig später folgte ein zweiter. Lange Zeit später meldete sich ein Mann beim Sender und berichtete, er habe wieder zum Glauben gefunden. Anstoß zu diesem Prozess sei der Umstand gewesen, dass eines beim Durchzappen des Fernsehprogramms auf seinem Bildschirm plötzlich diese „Piraten-Nonne“ mit der Augenklappe aufgetaucht sei, die ihn fasziniert habe.
Zu ihrem 80. Geburtstag am 20. April 2003 trat Mutter Angelica zum letzten Mal live im Fernsehen auf und zog sich danach endgültig in ihr Kloster zurück. Papst Benedikt zeichnete sie 2009 mit dem päpstlichen Orden Pro Ecclesia et Pontifice aus, während sich ihr Leiden verschlimmerte.
Unterdessen machte EWTN in Deutschland einen wichtigen Schritt nach vorn. Der Umstieg auf den ASTRA-Satelliten ermöglichte eine noch größere Verbreitung des Senders, zusätzlich gibt es seit 2011 ein 24-Stundenprogramm in deutscher Sprache. Nach 14 Jahren im Keller der Rothweilers zog EWTN nach Köln.
Für eine Weile arbeitete das kleine, aber stetig wachsende Redaktionsteam dort Tür an Tür neben der Produktionsfirma der deutschen Fernsehlegende Harald Schmidt. Eines Tages kam Schmidt zur Tür herein und fragte, ob einer von uns mal für eine Stunde auf seinen Sohn aufpassen könnte. „Wenn Sie wollen, können Sie auch seine Hausaufgaben machen“, sagte er. „Keine Sorge, ist nur Waldorf-Schule-Zeug“, fügte Schmidt an und zwinkerte mit den Augen. Ich kümmerte mich darum. Als dann noch Zeit übrig war, schalteten wir den Fernseher an. Und ja, natürlich schaute ich „Pater Johann“ mit dem Sohn von Harald Schmidt.
EWTN Deutschland wuchs weiter und musste wieder umziehen, diesmal in die Hansestraße nach Köln-Westhoven. Dort, keine zwanzig Minuten vom Flughafen entfernt, wurde nicht nur ein beeindruckendes Fernsehstudio aus dem Boden gestampft, sondern auch ein kleiner Kapellenraum eingerichtet. Der polnische Kardinal Stanisław Dziwisz hatte dem deutschen EWTN-Büro eine Blutreliquie des heiligen Papst Johannes Pauls II. vermacht, vor ein paar Jahren kam nach einem Freundschaftsbesuch bei den Kollegen von EWTN Polen eine Reliquie des Medienheiligen Maximilian Kolbe dazu. An der Wand des kleinen Kapellenraums hängt ein Porträt von „Mother Angelica“, das einst bei einem Besuch in Rom von Papst Franziskus gesegnet wurde. „En el cielo“, hatte der Heilige Vater am Rande seiner Generalaudienz am 30. März 2016 gesagt, als Kollegen von EWTN Vatican dem Argentinier ein Foto von Mother Angelica zeigten. „Sie ist im Himmel“, so Franziskus über die Frau, die erst wenige Tage zuvor in der Osternacht verstorben.
Lächerlich und wunderbar
Die letzten zehn Jahre ihres Lebens waren von großen Schmerzen geprägt. Ihr wichtigstes Instrument, ihre Stimme, war ihr genommen. Vom Krankenbett aus opferte sie ihre Leiden für ihr Werk auf. Am 27. März 2016, in der Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag, durfte sie schließlich gehen. „Wir wussten nicht, wann sie sterben würde, weil es ihr gesundheitlich schon so lange schlecht ging und sich die Situation nach ihrem Schlaganfall noch einmal verschlechtert hat“, erinnert sich Father John Paul. „EWTN hatte sich ein gutes Jahrzehnt auf ihren Tod vorbereitet. Und als es dann soweit war, herrschte große Trauer – aber auch eine ganz eigenartige Form der Freude.“
Der Kaplan hatte wenige Stunden vor dem Tod Mother Angelicas noch die Heilige Messe für sie gefeiert. Da sie kaum in der Lage war, die Hostie zu empfangen, träufelte er ihr ein paar wenige Tropfen des gewandelten Blutes Christis in den Mund. „Als sie schließlich starb, spürte ich mehr Freude als Trauer“, wiederholt Father John Paul. „Zu wissen, dass sie nun bei Gott war, für den sie ihr ganzes Leben lang gelebt hatte, das war einfach unglaublich.“
Mother Angelica hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihr Weg und ihre Beziehung mit Gott nicht immer einfach war. Unvergessen bleibt ein Satz, mit dem sie einmal ihren Glauben beschrieb: „Ein Bein auf dem Boden, ein Bein in der Luft und ein mulmiges Gefühl im Magen.“
Doch gegen alle Prognosen und Expertenmeinungen ist aus dem Hirngespinst dieser hartnäckigen Nonne schließlich ein Werkzeug geworden, mit dem Menschen weltweit auch heute noch nicht nur Informationen, Katechese und Lebenshilfe erhalten, sondern auch Trost, Hoffnung und eine Erinnerung daran, dass es nie zu spät für Gottes Liebe ist. Ein Werkzeug, dass es nun seit 25 Jahren auch in Deutschland gibt. Ein Sender, über den sich die einen noch immer wundern, und der anderen die Augen öffnet für Gottes Wunder. Etwas Wunderbares eben.
Und das nur, weil Mother Angelica damals den Mut gehabt hatte, sich lächerlich zu machen.
Die Jubiläumsfeier aus dem Maternushaus vom 4. Oktober 2025:
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