Okay. Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Ich sag’s einfach: Ich werde EWTN verlassen.
Es fällt mir nicht leicht, diese Entscheidung ausgerechnet heute zu verkünden. Heute vor genau 13 Jahren, am 1. Oktober 2013, hatte ich meinen ersten Arbeitstag bei EWTN. In vier Wochen, am 31. Oktober 2026, werde ich meinen letzten Arbeitstag haben.
Als ich vor 13 Jahren durch die Tür von Martin Rothweilers Keller geschritten bin, arbeiteten gerade einmal vier Leute bei EWTN in Deutschland. Damals befand sich das deutsche Büro von EWTN noch im Keller von Martins Privathaus. Ich war 20 Jahre alt, hatte keine Frisur und keinen Plan vom Fernsehen. Doch ich hatte Martin. Ich hatte einen Chef und Mentor, der mich ins kalte Wasser warf.

Feuerwehrkommandanten und Bischöfe
Wir waren ein kleiner, verschworener Haufen. Martin gab mir nicht nur sein Vertrauen, sondern gelegentlich auch seinen Autoschlüssel, damit ich bei Außenterminen meine ersten Erfahrungen als Fernsehreporter machen konnte. Er sah gnädig über meine Schlabberklamotten und mein rrrrrrrrrrrollendes frrrrrrrränkisches „R“ hinweg und ließ mich rücksichtlos auf die armen EWTN-Zuschauer los, die meine ersten TV-Gehversuche über sich ergehen lassen mussten.
Christina Blumrath, damals Chefredakteurin, nahm mich an die Hand und stampfte die Serie „Rudolf will’s wissen“ aus dem Boden. Als Lokalreporter hatte ich vorher noch nach langen Sitzungen in der Dorfkneipe dem örtlichen Feuerwehrkommandanten einen Kommentar aus den Rippen geleiert – nun saß ich auf einmal ausgewachsenen Bischöfen gegenüber und konnte ihnen vor laufender Kamera all die Fragen stellen, die mich schon immer beschäftigt hatten.

Immer dann, wenn kurz vor einer Sendung das Lampenfieber mein gesamtes Verdauungssystem lahmlegte und die Panik mich ergriff, ob Martin und die Zuschauer nun endlich herausfinden, dass ich gar nicht für das Fernsehen geschaffen bin, erinnerte ich mich an Mother Angelica. Sie hatte den ganzen Laden gegründet in den 80er Jahren. Als Nonne in einem Kloster. In einer kleinen Garage. Ohne Erfahrung und ohne Sachkenntnis.
„Wenn du nicht den Mut hast, etwas Lächerliches zu tun, kann Gott auch nichts Wunderbares daraus machen“ – dies ist bis heute mein liebstes Zitat von ihr. Es wurde zum Soundtrack meines Lebens.

26 Jahre EWTN in Deutschland, 13 Jahre ein Teil davon
Während EWTN international längst eine feste Größe ist mit eigenen Korrespondenten im Weißen Haus und im Vatikan, haben wir uns beim deutschen Ableger in Köln als Underdogs den Weg in die öffentliche Wahrnehmung erkämpfen müssen.
Ich habe miterlebt, wie EWTN ständig gewachsen ist. Immer mehr Leute kamen dazu. Der Keller im Hause der Rothweilers wurde irgendwann zu klein. Wir zogen um nach Köln und wurden Nachbarn von Harald Schmidt und seiner Show. Dann zogen wir weiter in die heutigen Büroräumlichkeiten in der Hansestraße.

Auf einmal hatten wir ein eigenes Studio. Wir bekamen einen eigenen Übertragungswagen. Dann noch einen, als der erste Schrott war. Und ich saß plötzlich in einem Büro, an dem mein Name auf einem Schild angebracht war. Unser kleiner Piratensender etablierte sich immer mehr.
Martin Rothweiler ist mit seinem selbstaufopferungsvollen Dienst der Vater dieses Erfolgs. Ob er vor der Kamera stand, um das Kirchengeschehen zu erklären, oder in seinem Büro saß, um die Briefmarken für die Spendenquittungen zu kleben: Immer stellte er sich in den Dienst des Evangeliums.
Mittlerweile existiert EWTN in Deutschland seit 26 Jahren. Dass ich genau die Hälfte der Zeit ein Teil davon sein durfte, macht mich stolz.
CNA Deutsch
2015 gründete Anian Christoph Wimmer CNA Deutsch, die deutsche Schwester der internationalen Catholic News Agency, die zu EWTN gehört. Ab 2019 übernahm ich eine Doppelrolle: 50 % Redakteur bei EWTN in Deutschland, die andere Hälfte als Chefkorrespondent für das deutschsprachige Europa.
Christoph hat mir jeden Tag vorgelebt, dass Integrität die wichtigste Währung im Journalismus ist. Kaum einer versteht das Handwerk des Journalismus so gut wie er. Dass er schon an mich geglaubt hat, als ich selbst noch nicht an mich glaubte, werde ich ihm nie vergessen. Über viele Kontinente und Zeitzonen hinweg half er mir in all den Jahren immer wieder mit seinem Rat.
Und einmal auch mit dem Hinterrad (siehe Foto).

Von Köln nach Rom
2022 wechselte ich innerhalb von EWTN von Köln nach Rom. Ich wurde Teil des Teams von EWTN Vatican. Hier, im Herzen der Weltkirche, habe ich gelernt, wie groß das internationale Mediennetzwerk von EWTN ist. Und wie klein die Weltkirche doch sein kann.
Die Zeit der Schlabberklamotten war nun vorbei. Nun trug ich bei Hochzeitseinladungen keine Anzüge mehr, weil mich Anzug und Krawatte zu sehr an die Arbeit erinnerten.
Mit meinen Kollegen produzierte ich das wöchentliche EWTN-Nachrichtenmagazin VATICANO, lief jeden Morgen auf dem Weg in Büro über den Petersplatz und ließ mir im Schnitt pro Jahr etwa ein Fahrrad klauen (insgesamt fünf Fahrräder in viereinhalb Jahren, Stand 01.10.26).
Ich war in Rom, als erst Papst Benedikt XVI. und dann Papst Franziskus starb. Franziskus hatte ich noch auf der ein oder anderen Reise begleitet, konnte ihn bei einer fliegenden Pressekonferenz eine Frage stellen, ohne die Antwort zu verstehen und bin mit einem gemieteten Elektrofahrrad dem Wagen vorausgefahren, der seinen Leichnam nach Santa Maria Maggiore brachte.

EWTN hat mich an Orte gebracht, an die ich sonst nie gekommen wäre: Ich durfte live aus Panama berichten, recherchierte in Flüchtlingslagern an der syrischen Grenze, durfte einen jungen Mann bei seiner Bischofsweihe im fernen Skandinavien ganz nahe begleiten, mit den „Jesus-Bikern“ aus Deutschland dem Papst ein weißes Motorrad überreichen, türkische Christen in Istanbul, Izmir und Iskenderun besuchen und im Weißen Haus in Washington D.C. einmal am berühmten Rednerpult stehen.

Und ja, dank EWTN durfte ich auch die ein oder andere Universität von innen sehen. Wer hätte das von mir gedacht?
Möglich gemacht haben das all die treuen Spender, die die Mission von EWTN schon seit einem Vierteljahrhundert unterstützen. Ihnen allen gebührt mein aufrichtiger Dank!
Der neue Papst – und ich war mit dabei
Ich werde immer dankbar dafür sein, dass ich das Konklave 2025 miterlebt habe – und dank EWTN aus erster Reihe. Diesen Moment am Abend des 8. Mai 2025, als weißer Rauch über der Sixtinischen Kapelle ausstieg und ein wenig später Kardinal Mamberti das „HABEMUS PAPAM!“ über den Platz schmetterte, werde ich nie vergessen.

Auch der 23. Dezember 2025 wird mir in Erinnerung bleiben. Ich verließ morgens das Haus, um die letzten Einkäufe für Heiligabend zu besorgen, und stelle fest, dass mir mal wieder ein Fahrrad geklaut wurde. Mit Wut im Bauch stieg ich ins Auto, als nach wenigen Kilometern die Warnleuchte anging. Fahrrad weg, Auto kaputt. Fröhliche Weihnachten!
Einige Stunden später musste ich wieder arbeiten. Ich stand in Castel Gandolfo vor der Residenz des Papstes. Zwei Stunden lang. Im strömenden Regen. Der Anzug durchnässt, Fingerknöchel blaugefroren.
Diese Momente gab es in den vergangenen Jahren immer wieder. Die Hände ballen sich zur Faust und man beginnt, die eigene Berufswahl zu hinterfragen. Warum tu‘ ich mir den Scheiß überhaupt an? Ist es zu spät für einen richtigen Job?
Dann, nach zwei Stunden, ging die Tür auf. Papst Leo XIV. kam raus. In einem letzten Akt der Verzweiflung reckte ich meinen durchnässten Arm über die Sicherheitsabsperrung, das knallrote EWTN-Mikrofon in der klammgefrorenen Hand.
Im Mute der Verzweiflung und im besten Lothar-Matthäus-Akzent rief ich wiederholt: „Holy Father, one question, please!“
Und der Papst blieb tatsächlich stehen. Er schaute mich an. Er sah mich nassen Hund und lächelte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es funktioniert. Ich trug die Frage vor, die mir von den Kollegen aufgetragen wurde. Der Papst antwortete, lächelte, und wünschte frohe Weihnachten.

Saints And Sinners
EWTN hat es mir ermöglicht, bei vielen historischen Momenten der Kirchengeschichte dabei zu sein und ihre Akteure kennenzulernen, all die saints and sinners.
Ich habe Menschen getroffen, die durch unsere Sendungen wieder zu Gott gefunden haben. Andere Menschen dagegen haben ihren Glauben ganz verloren, als sie das Ausmaß der Heuchelei gesehen haben, das teilweise in Kirchenkreisen herrscht. Und ich war immer irgendwo da mittendrin, mit einem Mikro in der Hand und einer blöden Frage auf den Lippen.
Viele haben mich belächelt für das, was ich tue. Doch ich war immer stolz auf EWTN und auf meine Kollegen, die sich für den Sender schon seit Jahren den Arsch aufreißen (ich darf das schreiben, das hier ist meine eigene Website).
Doch bald ist Schluss.
Ab November wartet eine neue Aufgabe auf mich. Ich werde EWTN verlassen. Aber EWTN wird mich nie verlassen.

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