Der jungen Familie schien es egal zu sein, dass die ganze Welt zuschaute. Sie hatten es sich gemütlich gemacht, dort auf dem Dach der berühmtesten Kapelle der Welt, direkt neben dem berühmtesten Schornstein der Welt. Vater, Mutter, Kind – so schien es – ließen sich nicht davon abschrecken, dass die Kameras und Millionen Augen auf sie gerichtet waren.
Doch dann geschah etwas.
Ein Aufschrei aus tausenden Mündern gellte über den großen Platz. Die Möwenfamilie hüpfte erschrocken zur Seite, das junge Möwenküken stolperte dabei über eine der Dachziegeln. Das Geschrei in der Stadt schwoll an zu einem Sturm.
„Weißer Rauch, weißer Rauch“, rief ich in diesem Augenblick ganz aufgeregt in mein Mikrofon. Mit meinen Kollegen saß ich im Fernsehstudio von EWTN unterhalb des Petersdoms. Jetzt war der große Augenblick gekommen. Wir haben einen neuen Papst! Und ich war dabei, in der ersten Reihe, aufgeregt, überglücklich und ziemlich nervös ob der Möglichkeit, mich gleich im TV live um Kopf und Kragen zu reden.
Es gab so viel, was mir in diesem Moment durch den Kopf schoss.
Zunächst musste ich daran denken, wie ich 2013 im Pfarrhaus von Senden bei Ulm im Fernsehsessel von Pfarrer Stephan Spiegel saß und am Bildschirm zusah, wie Papst Franziskus nach seiner Wahl zum ersten Mal die Loggia des Petersdomes betrat. Ich machte damals ein Praktikum in der Pfarrei, um herauszufinden, was meine Berufung ist. Den Fernsehsender EWTN kannte ich damals noch gar nicht. Ich ahnte nicht, dass mich mein Berufungsweg knapp ein halbes Jahr genau dorthin führen würde.
Nun saß ich, fast zwölf Jahre später, bei EWTN im Studio und kommentierte die ersten Worte des neuen Papstes.
Es wurde sehr spät an diesem 8. Mai 2025. Noch weit nach Mitternacht saß ich mit meiner Frau in unserer römischen Wohnung und versuchte zu fassen, was wir da erlebt hatten. Unsere Tochter schlief endlich, sie war – ähnlich wie das Möwenküken auf dem Dach – auf dem Platz dabei gewesen, als der weiße Rauch aufstieg und das „Habemus Papam“ erscholl. Historisch.
Auch am nächsten Tag war ich noch ganz aufgekratzt. Ich saß in meiner Lieblingskneipe unweit des Petersplatzes. Mir gegenüber saß Bernhard Müller. Er hatte das VATICAN-Magazin gegründet und es macht mich stolz, ihn heute meinen Freund nennen zu dürfen.
Wir erhoben unsere Gläser. Dann überkam mich die Wehmut.
„Jetzt habe ich wenigstens einen schönen Abschluss für die Kolumne“, sagte ich leise zu Bernhard.
Es war im November 2019, als der legendäre Paul Badde mich zum VATICAN-Magazin geholt hatte. Von nun an durfte ich in jeder Ausgabe die Kolumne „Die Kirche ist jung“ bespielen. Dieser Text hier ist bereits meine 59. Kolumne für das Magazin.
Doch leider wird es keine 60. Kolumne geben. Die beruflichen Umstände verbieten es mir leider, mit der Kolumne weiterzumachen.
Es ist ein Abschied, der mir unendlich schwerfällt. Und doch bin ich auch unendlich dankbar. Paul Badde, Guido Horst und Bernhard Müller – alle drei haben mir in den vergangenen sechs Jahren immer wieder Rücken gestärkt und mich zu einem Teil dieses wunderbaren Magazins werden lassen.
Und während ich gerade meine letzten Zeilen schreibe, liegt neben mir jene Ausgabe, in der damals meine erste Kolumne erschienen ist. In meinem ersten Text hatte ich berichtet, wie ich 2005 als kleiner Junge die Wahl von Papst Benedikt XVI. am Radio miterlebt habe. Nun muss ich mich vom VATICAN-Magazin verabschieden, kurz nach der Wahl von Papst Leo XIV. Ich will noch einmal jenen Satz von Papst Benedikt wiederholen, den der deutsche Papst bei seiner Amtseinführung gesagt hat. Es war dieser Satz, der unserer Kolumnenreihe einst ihren Titel gab:
„Die Kirche lebt und die Kirche ist jung; sie trägt die Zukunft der Welt in sich.“
Anmerkung: Diese Kolumne erschien zuerst in der Juni-Ausgabe des VATICAN-Magazins. Seit 2019 hatte Rudolf Gehrig dort monatlich die Kolumnenreihe „Die Kirche ist jung“ geschrieben. Dieser Text war die 59. und letzte Kolumne dieser Reihe.
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